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Retro: Nach der Landpartie ist vor der Landpartie

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Genau genommen ist die kommende kulturelle Landpartie nicht die 19.  Denn von 1990 bis 1993 gab es den Vorläufer, die „(1004) Wunde.r.punkte“. Deren Organisation löste sich auf und beendete die Wunde.r.punkte. 1994 gab es die Nachfolgeveranstaltung „Wunderpunkte 94“ und um den Namen wurde heftig gestritten.

Erst 1995 startete die erste „Kulturelle Landpartie“, der wirkliche Beginn der heutigen Veranstaltung. Sie ist also erst im 14. Jahr. Nun ja, welcher Besucher hat die feinen Unterschiede der inneren Struktur schon wahrgenommen? Und welcher Teilnehmer von heute weiß da noch genaueres drüber? Zeit sich zu erinnern und zu sehen, was sich wie entwickelt hat.

Am 12. September 1989 lud Michael Seelig namens der seit einigen Monaten arbeitenden Vorbereitungsgruppe „Wendlandfestival“ Interessierte ins Café Grenzbereiche ein: „Liebe Freundinnen, liebe Freunde. ‘Die Ruhe auf dem Lande ist oft nur stille Wut’ (N. Born). 3650 Tage nach 1004 es ist Zeit und die Zeit ist reif!...“, schrieb er und hoffte, man wollte zukünftig unterwegs sein „zwischen Utopie und Wirklichkeit“. ‘Der Traum von einer Sache’.

Zehn Jahre nach 1004

ach ja, kennen Sie den Begriff noch? Das war die Salzstock-Erkundungs-Tiefbohrstelle „1004“, die dann vom Widerstand besetzt wurde, der dort ein Anti-Atom-Hüttendorf errichtete und über Pfingsten 1980 die „Freie Republik Wendland“ ausrief – eine Republik, die vier Wochen später von der Polizei geräumt und planiert wurde. Das war der Traum von einer Sache, von einer anderen Gesellschaft, einem anderen Zusammenleben – weit mehr als Widerstand gegen die Gorlebener Atomanlagen. Bei der Räumung, dem bis dahin größten Polizeieinsatz der BRD, wurde dem Atomstaat versprochen: „Turm und Dorf könnt Ihr zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf!“

1004 WUNDEr PUNKTe WENDLAND

stand über dem Bericht des Treffens vom 26. September 1989, das nach langer Arbeitsgruppenschwangerschaft wohl als die Geburtsstunde der Wunde.r.punkte anzusehen ist. Der inhaltliche Stand der Diskussion wurde so geschildert: „Der Zusammenschluß jener, die hier aktiv werden, ist weder rein zufällig, noch beliebig. Die gemeinsamen Wurzeln liegen im Wiederstand gegen die Atomanlagen und dem Lebensgefühl, anderes zu wollen, als abhängig zu arbeiten und sich feierabends vom Fernseher leben zu lassen. Das, was über Pfingsten gezeigt, demonstriert, ausgestellt werden soll, ist nicht die Spitze des Eisberges, die politische Demonstration, sondern ein Teil der Kultur dieser Region, der versucht, der Entfremdung der Arbeit, der Trennung zwischen Leben und Produzieren, der Zerstörung menschlicher Bindungen in der modernen Industriegesellschaft entgegenzuleben. Jeder auf seine Art.

Widerstand gegen Atomanlagen beschränkt sich nicht auf spektakuläre Aktionen und ist nicht auf den Bereich Atom begrenzt, sondern zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. ‘Widerstand’ ist tägliches Leben. Dieses ‘Tägliche’ kann aber auch zermürben; da findet Vereinzelung statt, und der Gesichtskreis verengt sich. Deswegen ist es nicht nur Bedürfnis zu zeigen, was hier geschieht, sondern es besteht das Bedürfnis nach eigenem Tun – sich gegenseitig (wieder-)erleben. Gemeinsame Arbeit verbindet mehr als gemeinsamer Konsum. So wollen wir hier gemeinsam aktiv werden und gleichzeitig zeigen, daß ‘Gorleben lebt’.“

Das ist die Latte, an der die Wunde.r.punkte zu messen waren. Sicher wachsen derartige Vorhaben und entwickeln sich anders als gedacht. Die ersten Krisen kamen bald. Der Kommerz-Vorwurf machte die Runde. Obwohl schon im obigen Text zu lesen war: „Selbstbestimmte, nicht entfremdete Lebens- und Arbeitsformen benötigen aber auch einen ‘Markt’, der allein im Wendland nicht zu finden ist. Deshalb ist diese Aktion genauso Werbung. Wir wollen den ‘Rest der Republik’ erreichen. Das Bewußtsein ebenso wie den Geldbeutel.“

Bald glaubten einige zu erkennen, daß die Wunde.r.punkte nur dem Erreichen der Geldbeutel diene. Doch jeder, der Kunst ausstellt, weiß, daß dem nicht so ist. Und der künstlerische Anteil ist bis heute nicht geringer geworden.

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Kritik 1991

Thomas Janssen stellte in der Elbe-Jeetzel-Zeitung den Zusammenhang zwischen den Wunde.r.punkten und dem Widerstand in Frage. Er traf damit, wenn auch vielleicht nicht genau. Heftige Diskussionen führten zu so merkwürdigen politischen Aktionen wie dem pflichtgemäßen Aufhängen eines Gorleben-Manifestes. Ob dies die Gesamtveranstaltung politischer machte, bleibt mindestens zweifelhaft.

Nach den Wunde.r.punkten 1992 war – wieder einmal – Krise angesagt. Der ständig sich erweiternde Umfang und die damit wachsende ehrenamtliche Belastung waren den meisten Machern zuviel. Die ehrenamtlichen Leistungen wurden von den Teilnehmern nicht gewürdigt und die Beiträge teils nur widerwillig gezahlt. Das Wesentliche aber war die Frage nach dem Zusammenhang, nach dem „Wir“. Man ging in Schnackenburg in Klausur. Für die Zukunft sollte die zentrale Gruppe (KO-Gruppe) Zuarbeit von Arbeitsgruppen erhalten, Frustarbeit sollte gering entlohnt und der Umfang begrenzt werden. Wie, blieb unklar, der Streit um die Qualität wurde aus Sicht der Künstler und der Handwerker und der „Politischen“ unterschiedlich betrachtet. Klar blieb aber: Keine Abhängigkeit von Zuschüssen – sich nicht vereinnahmen lassen. Die Konflikte brodelten weiter.

Kurz nach Pfingsten 1993 beschloß die KO-Gruppe: „Wir halten eine Veranstaltung Wun-de.r.punkte 94 unter den bisherigen Bedingungen nicht mehr für möglich. Eine Veranstaltung, die anders sein wird, können nicht mehr die Wunde.r.punkte sein. Wir halten Neues für denkbar. Wir wollen darüber denken, wenn wir wieder Lust dazu haben.“ Danach fühlten sich die Macher befreit und das Plenum war sprachlos.

Im September gab es dann eine Einladung zu einem Treffen „Leben ohne Wunde.r.punk-te“, und dort wurde unter gleichberechtigten Teilnehmern ohne Organisationsgruppe, Satzung, ohne Statut oder sonst etwas eine Veranstaltung für 1994 mit dem Titel „Wende.n.punk-te“ beschlossen. Der Reisebegleiter sollte aus selbstgemachten Seiten bestehen. Es wurden dann – seltsamerweise – die „Wunderpunkte“ 1994 und diese wurden von Besuchern überrollt. Wegen des Namens gab es Zoff und für 1995 wurde dann doch wieder eine „Organisation“ eingerichtet – die Kulturelle Landpartie war geboren.

Aber auch die Koordinationsgruppe der KLP hangelte sich von Krise zu Krise. Das Plenum debattierte immer wieder die gleichen Themen: Wer darf mitmachen, welche Öffnungszeiten, was kostet der Spaß? Nie gab es eine Gruppe, die nicht hinterfragt wurde, nie war die Gruppe mit der Mitarbeit der Teilnehmer zufrieden und immer war die Anerkennung für das Geleistete zu gering.

Aufgrund der Kontroversen wurde beschlossen, daß sich jedes Jahr Personengruppen mit einem Konzept für die nächste KLP zur Wahl stellen können, und die alte (KO-)Gruppe mußte sich dieser Prozedur ebenfalls unterziehen. Tatsächlich wurde aber nie eine vorhandene Gruppe aus dem Plenum heraus abgelöst, sondern alle beendeten stets von sich aus ihre Arbeit.

Auch die Diskussion über die Notwendigkeit, einen Verein zu gründen, begleitete die Plenen durch die Jahre. Das wurde dann immerhin in einem Konstrukt so geschafft, daß nicht der Verein die KLP, sondern die Plenen der KLP bestimmen, was geschieht, und der Verein vollzieht das nach. Allein dies ist schon eine fast sensationelle Leistung, die aber natürlich sehr viel Nervenkraft aller Beteiligten benötigte.

Für die immer präsente und letztendlich nicht lösbare Frage des „Wer darf dabei sein?“ wurde dann eine Arbeitsgruppe „Neue Punkte“ geschaffen, die nun die Neubewerbungen unter die Lupe nahm und deren Entscheidungen als bindend verstanden wurden.

Eine andere häufige Frage war die nach der Professionalisierung bestimmter Arbeiten, bis hin zur Arbeit der KO-Gruppe (später: Rat). Dabei entschieden sich die Plenen immer wieder im gleichen Geist: Was geht, machen wir selber – getreu dem KLP-Motto „selbstgemacht“. So wurden zwar nach und nach Arbeiten zum Reisebegleiter bezahlt und teilweise an Betriebe abgegeben – lange Zeit war „feffa“ in Dannenberg das bezahlte Büro der KLP –, aber es waren auch dort Personen damit beschäftigt, die einen direkten Bezug zur KLP hatten, teils sogar in der KO-Gruppe oder im Rat saßen.

Auch der Gedanke, den Reisebegleiter auswärts drucken zu lassen, was eventuell billiger und technisch einfacher gewesen wäre, wurde im Geist der KLP zugunsten des regionalen Wirtschaftens verworfen.

Trotz – zumindest zeitweilig – arg konträrer Lager gelang es, das Konsensprinzip anzuwenden. Manchmal auch unter kuriosen Bedingungen: Beschlüsse wurden vom Plenum gefaßt und vom nächsten Plenum wieder aufgehoben – eine Folge von Einzelinteressen und fehlender Kontinuität beim Besuch der Plenen. So was nervt natürlich jede Vorbereitungsgruppe. 2004 war es dann soweit: die bis dahin arbeitende KO-Gruppe erklärte, die folgende KLP nicht mehr organisieren zu wollen, zu groß war ihnen der Abstand zwischen eigener Arbeit, Prinzipien der KLP und den Plenen und seinen Beschlüssen geworden. Krise. Eine Zukunftswerkstatt sollte helfen, und es fanden sich dort Menschen, die es auf ihre Art versuchen wollten. So wurde aus der KO-Gruppe der Rat, und es wurden viele Arbeitsgruppen konzipiert. Von denen arbeitete aber nur die Gruppe „Neue Punkte“ ständig.

Die Bestrebungen, die Leitsätze der KLP neu zu formulieren und die Umgangsformen im Plenum grundsätzlich anders zu handhaben, scheiterten bald – wohl auch, weil diese, teilweise sehr ritualisierten Umgangsformen einem Teil der „Alten“ arg befremdlich waren.

Wer sich die Kernsätze der alten Dokumente ansieht, wird feststellen, daß sie nicht nur einen bestimmten Geist atmeten, sondern auch eine bestimmte Grundhaltung der Teilnehmenden voraussetzten. Egal, ob der persönliche Schwerpunkt mehr politisch, handwerklich oder künstlerisch war: Alle wollten sich nicht einfach den Hauptströmungen dieser immer turbokapitalistischer werdenden Gesellschaft anschließen: nicht bei Lidl kaufen, wenn es der Nachbar auch herstellen kann; sich gegenseitig stützen, nicht immer am größtmöglichen Gewinn orientieren; lokal wirtschaften; Gleichberechtigung statt Hierarchie. Politisch formuliert: möglichst wenig entfremdete Arbeit gleichberechtigt leisten, egal ob persönlich die Nischensuche oder die Opposition zum Kapitalismus im Vordergrund stand. Das bezog sich keineswegs nur auf die damaligen Wunde.r.punkte, sondern es waren die Lebensentwürfe der Handelnden. Und diese Biografien, der in der Hauptsache zur ersten Welle der Zugezogenen gehörenden „MacherInnen“, waren der bestimmende Geist der Veranstaltung über alle Irrungen und Wirrungen hinweg.

Diese ateliersuchenden Künstler, stadtmü-den Kommunarden, nach anderen Lebensformen suchenden Atomgegner kamen Ende der Siebziger und in den Achtzigern ins Wendland. Ihre Freunde und Bekannten waren gemeint, die eingeladen werden sollten, nicht nur an Demos teilzunehmen, sondern am etwas anderen Leben der Wendländer in den Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Gewachsen aus der Erkenntnis, daß das Leben, besteht es nur aus Kampf, zum Krampf wird.

Die Biografien der Menschen, die später ins Wendland zogen, waren anders – und auch ihre Lebensentwürfe. Es kamen und beteiligten sich nicht nur die relativ jung in den Kreis Gekommenen, sondern auch Menschen, die ein „normales“ Erwerbsleben hinter sich hatten und nun das Leben im Wendland genießen wollten. Nicht zu vergessen die ebenso wichtige Welle der „Ossies“, von denen es nicht wenige ins Wendland zog – vielleicht auch, weil es hier in einigen Zusammenhängen nicht ganz so turbokapi-talistisch zuging wie im Kohlschen Restdeutsch-land. Diese völlig anderen Biografien als die Alt-Neu-Wendländer der ersten Welle brachten eigene Vorstellungen und Verhaltensweisen mit, die sich mit dem Verfaßten der KLP gut vereinbaren ließ – und doch anders ist. Und je mehr diese Neu-Neu-Wendländer Einfluß nehmen – ebenso wie die Ruheständler – verändern sie die KLP. Und diese Veränderung ist unvermeidlich und nicht zurückzudrehen.

Lebendigkeit

Egal wie man zu den einzelnen Entwicklungen steht: das, was den Reiz der KLP vom Anfang bis heute vor allem ausmacht, ist ihre Lebendigkeit, ihre teils schillernde und nicht immer gleich nachvollziehbare ständige Veränderlichkeit. Die Krisen und Konflikte, der nervende Streit im Plenum, das sich jedes Jahr wieder Neu-Erfinden, das ist der Unterschied zu den inzwischen anderswo dutzendweise stattfindenden – oberflächlich gesehen – vergleichbaren regionalen Aktionen. Die auch nach 19 Jahren nicht ernsthaft in Frage gestellte Art der Selbstorganisation und der Gleichberechtigung im Plenum, die Energie, die in der ehrenamtlichen Arbeit der organisierenden Gruppen steckt, das ist der Lebensnerv der KLP. Wer sich nicht selber einbringt, wer nicht selber bereit ist, etwas anders zu machen, muß mit dem leben, was andere tun.

Aber ist das ein Grund, der KLP den Rücken zu kehren? Die Geschichte beweist, daß dies nicht so ist. Die KLP bietet Raum, Plattform, Publikum für künstlerische Konzepte, wie sich dies in Kröte oder in übergreifenden Aktionen wie der aktuellen „Vogeley“ zeigt. Wer etwas machen will, das irgendwie in den Rahmen der KLP paßt, hat bisher noch immer das Plenum überzeugen können.

Was ist also aus der ersten Einladung geworden, die aufrief „Gedanken und Utopien“ auszutauschen. Was wurde aus der Absicht mit „alten und neuen Freundinnen und Freunden... phantasieren, suchen und finden, streiten und feiern“? Geschieht heute noch etwas „zwischen Utopie und Alltag, Kunst und Kommerz, zwischen Aquarell und Becquerell“?

Ja. Auch wenn die Utopien sich verändert haben. Viele Lebensentwürfe haben sich zu konkreten Biografien verfestigt. Und das Leben im Wendland hat sich in vielem mehr verändert als anderswo. Es ist noch immer liebenswerte Provinz geblieben, allerdings auch mit den negativen Seiten der Provinz. Die Kirchtürme, auf denen Politik gemacht wird, stehen, und alles Neue ist verdächtig. Sind wir Zugezogenen, Alternativen, Nonkonformisten darin wirklich so anders oder passen wir uns hier ebenso ein? Ist uns Neues und Anderes, das nicht von uns selbst kommt, willkommen, oder wollen wir nicht lieber einfach nur unseren eigenen, einen anderen Kirchturm?

"Reprint" aus zero 133 - 2007
Foto: Gerhard Ziegler



von Helmut Koch, 2008-03-31 09:12
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