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Castor+Gorleben Vor 30 Jahren: der legendäre Trecker-Treck nach Hannover
„Es lässt sich gar nicht sagen, wer zuerst die Idee hatte“, so Klaus Pohlandt, einer der Teilnehmer des legendären Trecks. „Während der Demonstrantionen tauchte die Idee allerdings immer wieder auf und verschwand dann auch nicht mehr.“ Längst stand die Protestbewegung im Wendland unter der Überwachung durch den Verfassungsschutz. Mit Spitzeln und Abhöraktionen wurde permanent gerechnet. So traf man sich nur in kleinen Gruppen, um die Idee weiter auszuspinnen. „1979 hatten wir schon viele Kontakte zu anderen Anti-AKW-Gruppen, z.B. in Bremen oder Göttingen. Diese hatten wir frühzeitig über unsere Idee eines Trecks informiert,“ so Klaus Pohlandt. „Aber wir waren uns in keinster Weise sicher, ob und wieviele Traktoren sich tatsächlich auf den Weg machen würden.“ Schließlich ging es um beinahe 200 km, die zu überwinden waren – den Rückweg nicht mitgerechnet. Doch da die Idee eines gewaltigen Trecks viele Aktivisten begeisterte, wurde sie weiter verfolgt. „Letztendlich sind wir dann mit mickrigen 15 -20 Traktoren im Wendland gestartet“, erzählt Pohlandt. „Aus den anderen Regionen gab es zwar viele positive Rückmeldungen, aber sicher waren wir überhaupt nicht, dass auch viele kommen würden.“ Ein bunter MixDer Termin für die Fahrt war mit Bedacht gewählt: vom 28. März bis zum 03. April fand damals in Hannover ein sogenanntes „Gorleben-Hearing“ statt, auf dem rund 60 internationale Wissenschaftler über die Sicherheit nuklearer Entsorgungsanlagen diskutierten. Ministerpräsident hatte zu dieser Tagung geladen, um mehr Klarheit über des geplante Vorhaben in Gorleben zu bekommen. An einem regnerischen Montag ging es dann los: Jungbauern von alt eingesessenen Höfen, Aussteiger, die in Landkommunen das „natürliche Leben“ ausprobieren wollten, besorgte Anwohner und Polit-Aktivisten aus den Städten. Alle zogen sie an einem Strang, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: den Bau des nuklearen Entsorgungszentrums Gorleben zu verhindern. „Natürlich gab es wilde Auseinandersetzungen über das Wie des Protestes. Aber über das Thema 'Gorleben' akzeptierten sich Bevölkerungsgruppen, die sonst nichts miteinander zu tun hatten“, so Pohlandt. „Ich habe es selbst erlebt, wie eine Bäuerin aus einem Nachbardorf zu mir sagte: normalerweise würde ich Dich Langhaarigen ja nicht mit der Kneifzange anfassen, aber dass Ihr uns hier unterstützt, das finde ich prima.“ So trafen sich im wendländischen Widerstand einerseits Bauern, die frisch aus der CDU ausgetreten waren, und andererseits aktive Mitglieder des Kommunistischen Bundes. Rebecca Harms, damals ebenfalls eifrige Treck-Teilnehmerin und heute für die Grünen Mitglied des Europäischen Parlaments ist bis heute davon überzeugt, dass die bisherigen Erfolge und auch der lange Atem gerade in der Gorlebenauseinandersetzung, der starken politischen Verankerung in der Region in Nordostniedersachsen zu verdanken ist. „Für mich ist die Gorlebenauseinandersetzung weiter ein Angelpunkt meiner politischen Arbeit“, ist immer noch Rebecca Harms' Maxime. Ganz friedlich lief allerdings auch der Hannovertreck nicht ab. Klaus Pohlandt hatte zum Beispiel für die Organisation die Aufgabe übernommen, dem Treck vorauszufahren und mit Plakaten und Handzetteln die Ankunft des Zuges und dessen Anliegen anzukündigen. Doch überall, wo der Plakatetrupp hinkam, war der KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands) schon da gewesen. Schnell hatte die Splittergruppe der DKP erkannt, welches publicity-trächtiges Potenzial im Anti-AKW-Treck lag und versuchte, ihre eigenen Parolen dem Zug voran zu schicken. Doch Weltfriede und kommunistische Vorherrschaft lag den meisten Treckteilnehmern fern – stand doch mit dem Austritt aus der CDU oft nicht die Weltsicht im Fokus der Kritik, sondern lediglich das Voranbringen der Atompläne. Außerdem hatten die Organisatoren Sorge, dass ihr Anliegen unter falschen Vorzeichen in Hannover ankommen könnte. „Wir haben zunächst versucht, mit den KBWlern zu reden. Aber wir wussten aus unserer Hamburger Erfahrung, dass auf diese Weise nichts zu erreichen war“, so Pohlandt. Als dann Tage später immer noch die KBW-Plakate vor dem Treck auftauchten, schritten die Bauern zur Tat. Bei der nächsten „Klebeaktion“ bekamen die KBWler ebenfalls – nicht nur eine - „geklebt“. „Nun ja, da gabs schon Nasenbluten und ein paar andere Blessuren“, räuspert sich Pohlandt. „Aber danach war das Problem gelöst" Albrecht wir kommenOft wussten die Treckteilnehmer nicht, mit was sie wirklich zu rechnen hatten. Die Handy- und Internetvernetzung der heutigen Zeit war damals ja noch ein Thema für Science-Fiction-Romane. So blieb den Demonstranten nichts anderes übrig, als abends Telefonzellen zu stürmen und sich wenigstens mit den wichtigstens Informationen zu versorgen. Während der ersten Tage blieb die Unsicherheit, womöglich in Burgdorf, dem vereinbarten Treffpunkt der aus verschiedenen Richtungen anreisenden Gruppen, der bitteren Erkenntnis ins Auge schauen zu müssen, dass es weniger als 50 Trecker bleiben würden. Zudem machte anhaltender Regen die Fahrt zu einem echten Durchhalte-Training. Sarkastisch wurden neue Plakate geschrieben "Albrecht wir kommen, und sei es geschwommen" hieß es da zum Beispiel. Dann kam der 28. März 1979. Um 4 Uhr und 36 Sekunden US-amerikanischer Zeit fielen bei Arbeiten an der Kondensatreinigungsanlage des Atomkraftwerks Three Mile Island bei Harrisburg zwei Hauptspeisepumpen im sekundären Kühlkreislauf aus. Fast zwanzig Stunden bekamen die Techniker das Problem nicht in den Griff, so dass es im AKW zu einer teilweisen Kernschmelze kam. Zehntausende Anwohner mussten in der Folge evakuiert werden. „Nach diesem Unfall veränderte sich die Stimmung schlagartig. Überall, wo wir durchfuhren, standen Menschen am Strassenrand, hielten Zeitungen mit der Hauptschlagzeile 'Unfall in Harrisburg' hoch und jubelten uns zu.“, erzählt Klaus Pohlandt. „Selbst aus einem Bordell hingen mit Glimmer bestickte Fahnen und Transparente aus den Fenstern – dahinter Prostituierte, die uns begeistert zuwinkten.“ Der Unfall in Harrisburg wirkte für die Treckfahrer wie ein Dammbruch. Tag für Tag stießen mehr Fahrad- und Treckerfahrer zum Zug. Immer mehr Jungbauern gelang es, ihre Väter zu überzeugen, den Betriebs-Trecker für einige Tage dem Sohn zu überlassen. „Vor dreißig Jahren waren ja viele unserer heutigen Alt-Aktivisten noch recht jung. Die wenigsten betrieben bereits ihre eigenen Höfe, waren also vom Wohlwollen des Vaters abhängig“, so Pohlandt. Politisch nicht durchsetzbarDen triumphalen Einzug in Hannover wollten sich denn auch rund 100 000 Schaulustige nicht entgehen lassen. „Überall am Strassenrand wehten Fahnen, hingen Menschen aus den Fenstern, winkten uns begeistert zu“. Klaus Pohlandt bringt dieses Erlebnis heute noch zum Staunen. Doch noch mehr rührt ihn heute noch der Einsatz von Heinrich Pothmer, der bei der Abschlusskundgebung das erste Mal in seinem Leben vor einer großen Menschenmenge sprach. Pothmers klare und entschiedene Worte haben ihm nicht nur bei Klaus Pohlandt bis heute höchsten Respekt eingehandelt. Einige Tage erklärte Ministerpräsident Ernst Albrecht, dass eine Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben "zwar technisch machbar, aber politisch nicht durchsetzbar" sei. An den Plänen für ein atomares Endlager hielt er allerdings fest. Für Klaus Pohlandt hat der Treck nach Hannover zwar nicht das Leben verändert, aber: „Diese Fahrt hat uns so viel Mut gemacht, dass viele größere Protestaktionen, wie z.B. der Bau des Hüttendorfes 1980 überhaupt denkbar wurden.“ Trifft man heute Atomkraftgegner, die den Treck mitgemacht haben, so ist immer noch spürbar, dass der Stolz auf das Geschaffte vermutlich mit ein Grund ist, dass der Widerstand im Wendland auch nach über 30 Jahren noch nicht erlahmt ist. Foto: Wendländische Filmkooperative Mehr zu "atom"
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Über 100 000 Menschen bereiteten am 31. März 1979 den rund 500 Treckern, die an diesem Tag ihren Protestzug in Hannover beendeten, einen triumphalen Empfang. Eine harte Woche lag hinter den Anti-AKW-Aktivisten, die sich durch Wind und Wetter bis in die Landeshauptstadt durchgekämpft hatten, um ihren Protest gegen das geplante nukleare Entsorgungszentrum in Gorleben auszudrücken.








