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Fräulein Luise ist immer noch Jungfrau

--Wenn  in Hitzacker aus Gummibrüsten eine Fontaine ins Publikum spritzt, wenn Herr und Frau Biedermann beim Hören schweinischer Witze nicht echauffiert tun, sondern sich grölend auf die Schenkel schlagen, sind das Zeichen für die Präsenz eines schon vertrauten Ensembles: Die "Damen" der Revue "Zauber der Travestie" stöckeln über die Verdo-Bühne.

Christian aus Grabow zählt zu den ganz Mutigen: Der junge Mann, nichts Arges ahnend, setzte sich in die allererste Reihe - für Männer ein Wagnis, wie Kenner der Travestie-Show wissen und wie Christian am Montagabend lernen musste: "Fräulein Luise" trippelte von der Bühne, auf den jungen Mann zu und gab ihm zu verstehen, er möchte doch, dezent ausgedrückt, aus dem Fräulein eine Frau machen. Doch damit das - schon jetzt vor Vergnügen juchzende - Publikum den gewünschten Vorgang miterleben konnte, musste der arme Christian die grottenhässliche Dickmadam auf die Bühne wuchten. Ganz Kavalier schaffte er dies, brauchte zum Glück aber nichts Schlimmeres zu erleiden, denn: Nachdem sich der Fettklops namens Luise entblättert hatte und "zur Sache" kommen wollte, platzte der monströse BH, und der nicht minder pralle Inhalt fiel gar tief - in den Schoß Christians, der nun erfolgreich von der Bühne floh, begleitet von stürmischem Applaus. Fräulein Luise blieb Fräulein.

Im Altenheim: Kondome gegen Salmonellen

Die Mischung aus derber Komik, Parodien bekannter Stars, schlüpfriger Conférence und Playback-Darbietungen in schillernden Kostümen war für das Publikum offensichtlich so etwas wie eine willkommene erfrischende Dusche nach Kirche und Gänsebraten satt. Die Applausfreudigen, ein beachtlicher Teil zur Generation 50+ zählend, brauchten sich mit dem Klatschen nicht auf den Beifall zu beschränken: Allerlei deutsche Schlager boten der Heino-Generation Gelegenheit, sich klatschmäßig so richtig auszutoben - ohne zum Musikantenstadl oder ähnlicher Hochkultur reisen zu müssen.

Malle-Stimmung hoch drei! Apropos Heino. Klagte doch eine der Künstlerinnen: "Michael Jackson ist tot, Rex Gildo auch - nur Heino noch nicht. Warum der noch lebt? Weil er in 30 Jahren mit Johannes Heesters zusammen auftreten will!" Solcherlei Anspielungen auf fortgeschrittenes Alter nahmen die SeniorInnen im voll besetzten Saal ebenso wenig übel wie die Begrüßung - "Na, wer von euch ist denn die Heimleitung?! - oder Bekenntnisse einer Travestie-Oma aus dem "Hitzackeraner Altenheim Tote Linde": Dort verlangten auch hoch betagte Damen von ihren Freunden den Gebrauch von Kondomen, "weil alte Eier Salmonellen verursachen können". Wer angesichts solchen Ulks ein grimmiges Gesicht zog, wurde von der Conférence-Dame sogleich gefragt: "Bist du so geschockt, dass ich jetzt Vorhaut spielen muss - und mich zurückziehe!?"

Was trägt Amy Winehouse unterm Rock?

Doch nicht allein Heino und Co. wurden auf die Schippe genommen, auch der "modernen Muse" widmeten sich die Künstlerinnen intensiv, etwa in Gestalt von "Amy Winehouse", tätowiert und irgendwie stockerig über die Bühne wankend, aus der Bienenkorb-Frisur einen Flachmann zaubernd und leerend, Joint rauchend, Koks inhalierend, Whiskey kippend. Trotz jener Ladung, schaffte Amy eine Runde durch den Saal. Aber warum ging sie so komisch, so verkrampft? Das Rätsel löste sich auf der Bühne, als sich plötzlich unterm Röckchen ein Dildo (Format Hengst) löste und auf die Bretter fiel, welche die Welt bedeuten.

Nackedei schwingt die Rote Fahne

In die Welt der Politik gings nur kurz: etwa in Gestalt eines die Rote Fahne schwingenden Halb-Nackedeis oder in ätzenden Anmerkungen zur Bundeskanzlerin von Marcel(la) Bijou: Erst das tiefe Dekolleté der Regierenden bei der Opern-Eröffnung in Oslo habe jene beruhigt, die gemutmaßt hätten, die Kanzlerin sei in Wirklichkeit ein Kanzler. Das wars aber schon in Richtung Berlin, denn, so die Conférencieuse: "Wir wolln nicht weiter auf Frau Merkel rumreiten. Wer will das schon?!" Quittung: brüllendes Gelächter.

Ein männerfeindliches Programm

Frauenfeindlich das Ganze? I wo! Die Männer hätten an diesem Abend die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises alarmieren können, wurde doch das vermeintlich starke Geschlecht bösartig desavouiert seitens des Travestie-Ensembles. Beispiel: Wenn "alles umgekehrt" wäre und die Männer "die Tage" hätten, brauchten sie aufgrund sattsam bekannter Wehleidigkeit wahrscheinlich rundum die Betreuung einer Krankenschwester und würden ständig einen Golfkarren voller Binden und Tampons mit sich herumrollen. Ein lautes "Jaaaa!" vieler Frauen im Saal bestätigte jene Vermutung. Und bei nicht wenigen Männern, so die Conférencieuse weiter, dauere es, bis dass "der kleine Freund" steht, genauso lange, wie der Aufbau eines schwedischen Selbstmontage-Schrankes. Doch letzterer stehe gewiss länger.

Tuntiger Torero für die Tante

"Evivaaaa Espanaaaaa!" Nur zu gern sangen und klatschten die Travestie-Begeisterten jenen Uralt-Hit mit, als "Denisse Zambrana" als kesse Carmen im langen Modellkleid "Po ouvert" über die Bühne tingelte und offenbarte: Einmal möchte "die Tante" (so nannte sie sich) ein Stier sein und vom Torero gebändigt werden. Flugs suchte und fand Denisse im Publikum einen geeigneten Kandidaten, einen jungen Mann namens Benny, den sie sogleich in die Garderobe "zum Umziehen als Torero" schickte. Anstatt eines feschen Matador-Outfits verpasste man Benny jedoch Rock, BH und Bluse - passend zur Tante ein tuntiger Torero!

Und wie fand das Publikum (die Frauen lachten am lautesten) diesen und viele andere Späße? Die Antwort war hör- und auch sichtbar: Standing Ovations für "Zauber der Travestie"!

 



von Hagen Jung , 2009-12-29 14:50
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