Dummwort des Jahres: Moderne Tierhaltung

Gegen den offenkundigen Willen des dlz-agrarmagazins wählten die rund 50 000 Abonnenten und Internetnutzer nun den Begriff "Moderne Tierhaltung" zum agrarindustriellen Dummwort des Jahres.

Wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft am Dienstag mitteilte, liefern sich derzeit einige agrarindustrie-geneigte Medien des Bauernverbands mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) eine amüsante Auseinandersetzung mit ernstem Hintergrund. Dabei setzte sich bei einer Umfrage als „Dummwort des Jahres“ der agrarindustrie-beschönigende Begriff „Moderne Tierhaltung“ mit großem Abstand gegenüber dem agrarindustrie-unliebsamen Begriff „Massentierhaltung“ durch. Das bauernverbands-dominierte „dlz-agrarmagazin“ hatte im Frühjahr seine gut 50.000 Abonnenten sowie die Nutzer seiner Internetseite aufgerufen, nach dem Vorbild des „Unworts des Jahres“ erstmals das „Dummwort des Jahres 2012“ zu nennen. Als „dümmstes Wort des Jahres aus dem landwirtschaftlichen Sektor“ legte die Redaktion den Teilnehmern damals “so unfassbare Wortschaffungen wie Massentierhaltung, Vermaisung oder Schweinegrippe“ nahe, um so die gesellschaftliche Kritik an der Agrarindustrialisieung als „dumm“ abzuqualifizieren, so die AbL.

Im Gegenzug riefen nun AbL-Vertreter die dlz-Leser und -Internetnutzer auf, bei der dlz zum Bespiel das Wort „Moderne Tierhaltung“ einzusenden, mit dem Geflügel- und Fleisch-Lobby und Bauernverband gemeinhin den Unterschied zwischen bäuerlichen und agrarindustriellen Tierhaltungs-Strukturen zu verwischen und als „modern also zeitgemäß“ zu beschönigen versuchten.

Als nach Einsendeschluss die schon für September angekündigte Veröffentlichung des Ergebnisses monatelang auf sich warten ließ und auch die - bei einer Nachfrage bei der dlz angekündigte - Ergebnis-Verkündung in der dlz-Dezemberausgabe unterblieb, veröffentlichte die AbL in einer Pressemitteilung das bei der dlz vorab telefonisch erfragte Ergebnis: „Moderne Tierhaltung“ siegte als „Dummwort des Jahres“ um Längen vor „Massentierhaltung“ oder „Vermaisung“. Die AbL forderte den Bauernverband zur raschen Information der Landwirte und Leser über dieses agrarindustrie-kritische Umfrage-Ergebnis auf. Sie bedankte sich zudem bei allen Bäuerinnen und Bauern für das klare Votum gegen den agrarindustriellen Lobbyismus des Bauernverbands und damit für ihre eigenen bäuerlichen Interessen.

"Notgedrungen ging nun auch die dlz an die Öffentlichkeit und entschuldigte ihre missglückte Dummwort-Kür als „nicht repräsentativ“," so die AbL in einer Mitteilung. Dabei habe das dlz-magazin die Behauptung aufgestellt, die AbL habe vor allem Teilnehmer aus dem „Umfeld der AbL“ und des Biolandbaus (also einer offenbar unliebsamen Bauernklientel) auf dieses Ergebnis „gepolt“. "Als offenbar besonders verwerflich empfand die dlz offenbar die Teilnahme von Nichtlandwirten, wie z.B. Therapeuten, Lehrer, Inhaber von Beratungsfirmen oder Versicherungsmakler. Die dlz-Nachforschungen aufgrund der Mailadressen hätten auch ergeben, dass „viele der Teilnehmer zudem Mitglied in örtlichen Aktionsgruppen gegen den Bau von Schweine-, Rinder- oder Geflügelställen“ seien.

Dies wiederum veranlasste die AbL und zahlreiche Teilnehmer zur Frage, nach welchen Kriterien die dlz-Redaktion denn „Leser und Internetnutzer erster und zweiter Klasse“ sortiere und dabei sogar erkennen könne, ob Menschen mit nicht-landwirtschaftlichem Hauptberuf einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb betrieben oder in Bürgerinitiativen aktiv seien. Mit Verweis auf den Datenschutz und auf die - erst kürzlich mit einer Entschuldigung des niedersächsischen „Landvolk“-Landesbauernverbands geendete - „Kirchen-Ausspäh-Aktion“ gegen agrarindustrie-kritische Pastoren verwiesen. Es sei der dlz-Redaktion und dem Bauernverband offenbar unbekannt oder unliebsam, dass sich auch viele Bäuerinnen und Bauern aus eigenem Interesse in Bürgerinitiativen gegen Agrarfabriken engagierten.

Der niedersächsische AbL-Landesvorsitzende Martin Schulz aus dem wendländischen Quickborn kommentierte: „Wer sich wie die dlz gar zu der Behauptung versteigt, die Verbraucher betrachteten riesige Tierhaltungsanlagen mit ihrer nicht artgerechter Haltung als modern und zeitgemäß, der muss sich schon ziemlich weit im gesellschaftlichen Abseits befinden!“ Ähnlich bewertete er die Rüge der ebenfalls bauernverbands-dominierten dlz-Schwesterzeitung „Land & Forst“ an diejenigen Landwirte, die bei der Öffentlichkeitsarbeit „das Feld anderen überlassen“ würden, selbst wenn „die ihnen die Zukunft verbauen“ wollten.

Die Zukunft einer mittelständisch-bäuerlichen Landwirtschaft, so AbL-Sprecher Schulz, werde nicht durch Agrarindustrie-Gegner verbaut, sondern durch Groß-Investoren aus Geflügel-, Fleisch- und Schlacht-Konzernen und die dadurch geschaffenen Akzeptanzprobleme, ruinösen Überschüsse und Abhängigkeiten. Die AbL arbeite mit vielen Bäuerinnen und Bauern im Bündnis mit Initiativen und namhaften gesellschaftlichen Gruppen erfolgreich daran, eine wirklich „moderne und zeitgemäße Landwirtschaft“ mit einer artgerechten Tierhaltung in bäuerlichen Strukturen europaweit durchsetzen.

Foto / Maqi : "Moderne Tierhaltung": Sauen in Kastenställen ... 




2013-01-15 ; von pm (autor), asb (autor),

landwirtschaft  

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