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Vietze: Der letzte Binnenschiffer ging von Bord

Karl-Heinz Rösch war der letzte Vietzer, der noch als Binnenschiffer auf der Elbe unterwegs war. Vor kurzem ist auch er von Bord gegangen. Damit ist die Binnenschifffahrt in Vietze (vorerst) Geschichte.

Karl-Heinz Rösch war 17 Jahre alt, als er seine Ausbildung zum Binnenschiffer in Lauenburg begann - obwohl sein Vater, selber Binnenschiffer, ihm davon abriet. Doch die langen Abwesenheiten von zu Hause, ungeregelte Arbeitszeiten und die schwere körperliche Arbeit konnten Karl-Heinz Rösch nicht schrecken. "Da gab es nichts anderes," so seine knappe Antwort auf die Frage, ob er jemals an einen anderen Beruf gedacht habe. Im Frühjahr ist er nach über 47 Jahren Binnenschiffer-Dasein in Rente gegangen.

Schon als Baby war er mit der Familie auf dem Binnenschiff seines Vaters unterwegs. Er hat das Binnenschiffer-Dasein sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Damals war es noch üblich, dass Ehefrau und Familie möglichst lange mit an Bord lebten. Auch Evi Rösch, Karl-Heinz Röschs Ehefrau, fuhr jahrelang mit, bis ihre Tochter vier Jahre alt war. Rösch selbst hat in seiner Schulzeit die Ferien auf dem Schiff verbracht.

In Vietze, dem mittlerweile recht großen Dorf an der Elbe, war es damals noch üblich, Binnenschiffer zu werden. Auch der Großvater von Karl-Heinz Rösch war schon Binnenschiffer, ebenso wie viele der Nachbarn ringsum.

So ging es auch für Karl-Heinz Rösch um 1970 raus auf die Flüsse, raus auf Elbe und Rhein sowie die verbindenden Kanäle. Um ein Schiff führen zu dürfen, musste Rösch allerdings zunächst für jeden Fluss und Kanal, den er befahren wollte, Patente machen. Im Laufe der Jahre erwarb der Vietzer Schiffsführer-Patente für die Elbe, den Rhein sowie verschiedene Kanäle wie den Elbe-Seiten-Kanal.

Wie so Vieles im Binnenschifferleben, brauchten auch die Patente ihre Zeit: erst wer fünf Jahre lang einen Fluss regelmäßig (beruflich) befahren hat, kann sich für das Schiffsführer-Patent bewerben. Der spätere Schiffsführer muss nicht nur den Fluss und seine Besonderheiten kennen, sondern auch die einschlägigen Gesetze für das Fahren auf dem Fluss. Verkehrszeichen, Geschwindigkeits- und Vorfahrtsregeln, Tonsignale und Vorschriften für das Schleusen und Ankern - auch auf dem Fluss gibt es mindestens ebenso viele Regelungen wie für das Autofahren. Angehende Schiffsführer lernen dazu noch Maschinenkunde für Schiffe sowie Menschenführung.

"Früher war es gemütlicher"

In den 47 Jahren, die Rösch auf den Flüssen verbrachte, hat sich einiges geändert. "Früher war es ruhiger," sagt er. "Aber wir waren auch länger von Zuhause weg. Klare Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen gab es nicht." Schon als er anfing, in den 70er Jahren, war von der Schifferromantik, von der ihm noch sein Vater erzählt hatte, nichts mehr übrig. Akkordeon spielen beim Klönschnack am Abend, während man auf die Verladung wartet - das hat Karl-Heinz Rösch nie kennen gelernt.

Auch wenn er zu DDR-Zeiten diverse Wartezeiten zu erdulden hatte. So schloss zum Beispiel die Grenzstation bei Schnackenburg im Winter schon um 16 Uhr. Da hieß es dann bis zum nächsten Morgen warten, bis die DDR-Beamten ihren Dienst wieder aufnahmen. Dann galt es, eine vollständige Schiffskontrolle über sich ergehen zu lassen. "Da wir bis Berlin ausschließlich durch DDR-Gebiet fuhren, befürchteten die Beamten, dass wir Schmuggelware an Bord haben," erzählte Rösch. Nicht nur deshalb gab es das scharfe Verbot, während der DDR-Durchfahrt das Schiff zu verlassen. Und auch an den Havelschleusen war abends um 19 Uhr Schluss. Also wieder bis zum nächsten Morgen warten.

Mit Gelassenheit über die Flüsse

Von Hamburg nach Berlin über die Elbeund von Duisburg bis Rotterdam auf dem Rhein, das waren die Standardstrecken im Berufsleben von Karl-Heinz Rösch. War das nicht langweilig, jahrelang die gleiche Strecke zu fahren und dann auch noch so lange Wartezeiten aushalten zu müssen? "Nein, da gab es immer etwas zu tun," lacht Rösch auf die Frage. "Auf dem Fluss ist immer etwas anders. Wetter. Wasserhöhe. Schleusenzeiten. Verhandlungen mit Schleusenpersonal." Außerdam galt es auch während der Fahrt, das Schiff zu reinigen und instandzuhalten, Motoren zu pflegen und zu warten, den Maschinenraum zu pflegen etc. etc.

"Eigentlich war das ein gemütliches Fahren - wenn eine harmonisch zusammen arbeitende Crew an Bord war," so Rösch. "Wenn das Team nicht stimmt, dann kann es an Bord schon schwierig werden, auch wenn jeder seine eigene Kabine mit Kochgelegenheit hat."

"Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Fahrzeiten immer kürzer und die Be- und Entladezeiten immer schneller," erinnert sich Rösch. So konnten die Schiffe besser ausgelastet werden und dank besserer Technik auch nachts fahren.

Kann er sich an ein besonders schönes Erlebnis erinnern? Bei der Frage leuchten Rösch's Augen auf. "Ja, vor acht Jahren durfte ich ein frisch aus der Werft gekommenes Schiff übernehmen," erinnert er sich. Stolz fuhr er die "Bernhard Dettmer" bis zu seiner Pensionierung. Dabei war die Übernahme eines nagelneuen Schiffes keine Selbstverständlichkeit. "Da musste man sich richtig bewerben. Dabei zählten das Dienstalter ebenso wie die Qualifikationen, die man erworben hatte." Stolz ist Rösch auch darauf, dass er in all den Jahren seines Binnenschifferdaseins nie Ladung verloren hat.

Sehnt er sich nicht ein wenig nach dem Leben auf dem Schiff? "Nein," antwortet Rösch kurz und bündig. "Die Zeiten sind hektischer geworden und es gibt heute nicht mehr die eingeschweißten Teams an Bord wie früher," so Rösch. "Oft kennen sich die Mannschaften nicht, werden für jede Fahrt neu zusammengestellt. Und da immer öfter ausländische Kräfte angeheuert werden, gibt es Sprachprobleme, die das Entstehen von Freundschaften erschweren." Und der Druck, immer schneller transportieren zu müssen, ist auch in der Binnenschifferei längst angekommen.

Dabei zwingt die Elbe mit ihren wechselnden Wasserständen immer wieder zu langen Liegezeiten. "Hochwasser, Niedrigwasser, Vereisung - es gibt jedes Jahr diverse Zeiten, in denen das Fahren auf der Elbe nicht möglich ist," weiß Rösch. Auf dem Fluss kann eine durchgängige Wassertiefe von 1,40 m für leere und 2,40 für beladene Schiffe nicht garantiert werden - weshalb diverse Schifffahrts-Lobbyisten in schöner Regelmäßigkeit die Ausbaggerung der Elbe fordern.

Nun hat Vietze keinen aktiven Binnenschiffer mehr

Mit Karl-Heinz Rösch ist in Vietze der letzte aktive Binnenschiffer von Bord gegangen. Vorbei die Zeiten, wo über 90 % der Vietzer Männer ihr Einkommen auf dem Wasser verdienten. 1935 lebten laut einer Infotafel im Höhbeckmuseum Vietze 34 Schiffsführer und Kapitäne, 25 Steuerleute, 10 Bootsleute, 3 Schiffsjungen, 6 Maschinisten, 3 Schiffseigner und 1 Fährmann. Es leben zwar noch zwei aktive Kapitäninnen in dem Schifferort. Sie sind allerdings nicht mit Fracht unterwegs, sondern führen ein Ferienschiff für Menschen mit Einschränkungen.

Und Nachwuchs ist nicht in Sicht. Zumindest in Vietze interessiert sich niemand der jungen Leute für den Beruf des Binnenschiffers.

Wenn Karl-Heinz Rösch auch nicht mehr auf der Elbe fährt, der Fluss bleibt ihm trotzdem nahe. Von seinem Wohnhaus sind es keine zweihundert Meter bis zum Elbufer. Und als frisch gewählter Präsident des Vietzer Schiffervereins hat er einiges zu tun, um die Tradition des 1888 gegründeten Vereins aufrecht zu erhalten. Nun gilt es, das jährliche Schifferfest, Gemeinschaftsabende und Ausflüge zu organisieren, den Verein bei Schiffertreffen zu vertreten sowie die sonstigen Angelegenheiten des Vereins zu verwalten.

"Langweilig wird mir bestimmt nicht," ist denn auch Karl-Heinz Röschs Sicht auf seinen Rentneralltag. Und wer weiß - vielleicht braucht seine Reederei ja vielleicht doch noch einen erfahrenen Schiffer, der ab und zu Touren übernimmt, wenn's beim Personal klemmt.

Foto / Angelika: Den Fahnenmast in seinem Garten zu bestücken und die Fahne zu hissen, ist dem Binnenschiffer Karl-Heinz Rösch auch als Rentner noch wichtig.




2017-06-25 ; von Angelika Blank (autor),
in Vietze, 29478 Höhbeck, Deutschland

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