90. Heftige Kontroverse um ein Sperrwerk – und ein Brief aus Laasche

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Die Kontroverse um ein Hochwasserschutzkonzept für die Seegeniederung mit einem Sperrwerk bei Meetschow wird nun in größerem Rahmen fortgesetzt. Der Rat der Samtgemeinde Gartow veranstaltet eine öffentliche Anhörung am Montag, dem 21.6. um 18 Uhr im Verdo in Hitzacker. Mehr als 20 Einwohner*innen aus dem besonders gefährdeten Dorf Laasche haben sich jetzt in einem Brief an die Öffentlichkeit gewandt und für die Errichtung eines Sperrwerks ausgesprochen. Umweltschützer*innen erheben grundsätzlichen Einspruch gegen ein solches Projekt.

Seit den 1970er Jahren wurden entlang der Elbe und Seege am Höhbeck mehrere umfangreiche Schutzmaßnahmen mit Deichausbauten umgesetzt. Doch die herkömmlichen Methoden des Hochwasserschutzes – neue und immer höhere Deiche zu bauen – erwiesen sich auch hier als weder hinreichend noch nachhaltig. Innerhalb von nur 11 Jahren bedrohten gleich vier Extremfluten (auch  ‚Jahrhunderthochwasser‘ genannt) die Region um Gartow – in den Jahren 2002, 2006, 2011 und 2013. Seit der letzten Elbeflut 2013 ist allen Beteiligten bekannt, dass entlang der Seege auf einer Deichstrecke von rund  25 km gefährliche Fehlhöhen bestehen, insbesondere am Ringdeich um Laasche (dort bis zu 1 Meter; im Gartower Raum bis zu 60 cm). Die Befahrbarkeit der Gartower Straßenbrücke, der Landesstraße 256 zwischen Meetschow und Gartow sowie die Zufahrt nach Laasche ist bei Extremfluten massiv bedroht. Die Höhbeck-Region könnte vom Straßenverkehr komplett abgeschnitten werden.

Im Auftrag des hier verantwortlichen Gartower Deichverbandes hat die zuständige Landesbehörde NLWKN eine Machbarkeitsstudie zur Wiederherstellung eines effektiven Hochwasserschutzes erarbeitet (1), die im Februar 2020 öffentlich vorgestellt wurde (siehe hierzu auch den Beitrag 79 hier im Blog). Das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) stellt darin zwei Alternativen mit grundsätzlich verschiedenen Lösungsansätzen gegenüber:
Variante 1 beschreibt im Wesentlichen die Errichtung einer Kombination aus Sperr- und Schöpfwerk bei Meetschow zu Baukosten von ca. 25 Mio. Euro mit einer angenommenen Bauzeit von 8 Jahren („Variante Seege-Sperrwerk“).
In Variante 2 werden Deichausbauten beidseitig der Seege auf rund 25 km Länge und die Anpassung vorhandener Bauwerke für ca. 72 Mio Euro mit einer angenommenen Bauzeit von mehr als 25 Jahren vorgeschlagen („Variante Deichausbau“).

Bei Realisierung der Variante 1 würde ein Sperrwerk die vorhandene Brücke bei Meetschow ersetzen (in der obigen Abbildung ist diese bei mittlerem Wasserstand der einströmenden Elbe zu sehen). Die Kreisstraße K 28 nach Vietze würde quasi auf der oberen Ebene des Sperrwerks über die Seege geführt – also in einer höheren Position als jetzt. Die Fortsetzung der K 28 hinter der Brücke soll diese Höhe halten, um künftig auch bei Extremhochwassern befahrbar zu bleiben; die K 28 würde hier die Seege-Niederung gleichsam auf einer Deichkrone durchqueren. Bei ansteigendem Elbe-Hochwasser und geöffnetem Sperrwerk würde die Seege künftig links und rechts des Fahrdamms ausufern, wie bislang auch schon. Der Fahrdamm könnte dann auf halber Strecke nach Vietze an das dort ansteigende Gelände am Waldrand auslaufen; er müsste nach den Vorschriften des Deichbaus ausgeführt werden, da er im Extremfall auch höchsten Elbe-Hochwassern standhalten soll. Er wäre jedoch kein ‚Neudeich in unberührter Natur‘, da ja die Trasse in Gestalt der Kreisstraße vorhanden ist (allerdings breiter werden müsste). Die Wiesenflächen auf beiden Seiten blieben im Übrigen weitgehend unbeeinträchtigt.
Unter ‚normalen‘ Umständen (also ohne absehbare Flutgefahren) soll ein Seege-Sperrwerk ständig offen gehalten werden und somit dem Auf und Ab der Elbe freien Durchgang – auch für Tiere – in die Niederung ermöglichen.

Der Gartower Deichverband favorisiert die Variante Sperrwerk

Nach der Veröffentlichung der NLWKN-Studie schienen am Höhbeck bis Ende letzten Jahres alle Vorzeichen auf die Variante 2, also auf Deichausbau hinzudeuten, zumal das NLWKN selbst diese Empfehlung gegeben hatte. Doch dann geschah das Unerwartete: im Gartower Deichverband setzte sich die Auffassung durch, dass für die Variante Sperrwerk viele gute Gründe sprechen – mehr als für den seit Jahrzehnten forcierten Deichausbau. Auch aus Kreisen der Gartower CDU, die die Kommunalpolitik in der Samtgemeinde wie auch viele Entscheidungen des Deichverbands stark prägt, war grundsätzliche Zustimmung zu einem Konzept mit Sperrwerk zu hören. Parallel dazu fand im Umfeld der Gartower Grünen – begleitet von einer internen Arbeitsgruppe – eine kontroverse Debatte per Mail und Online-Konferenzen statt (mehr dazu s.u.).

Die Offenheit und die unerwartete Zustimmung wichtiger lokaler Gruppierungen gegenüber einem Sperrwerks-Konzept löste bei einigen am Höhbeck aktiven Umweltschützer*innen Verunsicherung und zum Teil schroffe Ablehnung aus. Häufig wurde und wird die Befürchtung geäußert, die seit langem von Hochwassern bedrohten  Grundstücksbesitzer, Einwohner*innen und Landwirte wollten die Seegeniederung nicht nur vor Extremfluten, sondern sogar vor saisonalen, ungefährlichen Überschwemmungen absperren. Damit würden aber wertvolle, unter Schutz stehende Flächen und dort lebende Arten vertrieben und gefährdet.

Der  langjährige Fachberater der NABU-AG Elbtalaue, Prof. Dr. Horst Wilkens, griff diese Stimmungslage in einem Leserbrief an die EJZ (darin am 23.3.) auf und eröffnete damit eine nun auch öffentlich geführte Debatte:
„Zusammengedrängt auf den Stromschlauch versteht es sich, dass die Hochwässer immer höher auflaufen. Einzig im Raum Gartow hat sich mit der Seege und ihren Auen ein Juwel erhalten, das nicht durch ein Sperrwerk von der Elbe abgetrennt ist und den höchsten Schutzstatus im Biosphärenreservat genießt.“

Bereits mit dieser Formulierung wird die Absicht erkennbar, dem Publikum unterschwellig die Vorstellung zu suggerieren, mit der Variante 1 des NLWKN würde – analog zu den vorhandenen Sperrwerksbauten für Aland, Löcknitz und Jeetzel – nun auch noch die Seege „von der Elbe abgetrennt“. Eine allerdings unzutreffende und irreführende Behauptung; denn das vorliegende Konzept sieht die Schließung eines Sperrwerks lediglich bei absehbaren Extremfluten vor.
Zudem werde – so lautet ein weiterer zentraler Kritikpunkt der Verbände BUND und NABU – die immer schon praktizierte Einengung der Flussläufe durch Deichausbauten nicht beendet, sondern lediglich durch ergänzende Baumaßnahmen fortgesetzt. Mit einem Sperrwerk „würde dann das Elbwasser nur noch höher steigen, um weiter abwärts Probleme zu bereiten", so Wilkens. Das aber sei „Hochwasserschutz aus der Mottenkiste und riecht nach Partikularinteressen.“

Grundsatzkritik von BUND und NABU: „Das ist Hochwasserschutz von vorgestern“

Auf dieser von Wilkens vorgezeichneten Linie versuchen führende Vertreter*innen des BUND und des NABU seit März, die Erzählung vom unsinnigen Sperrwerk und seinen angeblich zerstörerischen Folgen in Leserbriefen und Pressemitteilungen zu verbreiten. So erklärte der Vorstand der BUND-Kreisgruppe noch Mitte Mai, wer Sperrwerke fordere, betreibe „Hochwasserschutz von vorgestern“ und überlasse die „katastrophalen Folgen den nächsten Generationen“. Und weiter:
„Der BUND fordert, dass dieses Thema nur länderübergreifend gelöst werden kann. Es muss daher weg von den rein lokalen Abwägung und Sichtweisen. Auch die auentypischen natürlichen Strukturen würden unter der Absperrung langfristig leiden. Die Seegeniederung ist im Lüchow-Dannenberger Raum der letzte bedeutsame Retentionsraum, in den die Hochwasser der Elbe noch ungehindert hinein- und wieder herausströmen kann.“ (2)

Wer die vollständige BUND-Stellungnahme genau liest, wird darin nicht nur eine pauschale Ablehnung der Sperrwerks-Variante erkennen, sondern zugleich auch eine implizite Absage an die alternative Deichausbau-Variante des NLWKN. Das einzig richtige Handlungskonzept sieht der BUND nämlich in Planung und Bau neuer Flutpolder sowie Deichrückverlegungen entlang der Elbe:
„Es gibt im Hinblick auf einen wirklich nachhaltigen und sicheren Hochwasserschutz nur die Möglichkeit, einen angemessenen Anteil der abgetrennten Flussaue dem Fluss zurückzugeben. In diesem Zusammenhang müssen auch Engstellen zwischen den beidseitigen Deichen, wie sie sich z.B. gerade an der Seegemündung zeigen, mit beseitigt werden. Sich mit Sperrwerken gegen höhere Fluten zu stemmen bedeutet nur, dass das Problem flussabwärts verlagert wird, wo dann z.B. bei Gorleben das Hochwasser steigt.“

Der BUND mag damit das bekannte Deichausbau-Dilemma zutreffend beschrieben haben – auch wenn er einen möglichen Aufstau-Effekt durch ein geschlossenes Sperrwerk krass dramatisiert und bloß mit unbestimmten Ängsten von Betroffenen jongliert („wo dann z.B. bei Gorleben das Hochwasser steigt“). Tatsächlich könnte der Wasserstand  nach den vorliegenden Berechnungen in der Seegestudie um rund 4 cm zusätzlich steigen, jedoch zu einem noch ungefährlichen, frühen Zeitpunkt lange vor einem ankommenden Flutscheitel. Sobald die Fluthöhe dann wirklich gefährlich werden sollte, ermöglicht ein Sperrwerk jedoch auch einen gegenteiligen Kappungseffekt: „Die Kappung der Hochwasserspitzen in der Elbe durch ein geregeltes Sperrwerk ist möglich … im günstigsten Fall maximal 6 cm.“ (Seegestudie, S. 83).

Ein zuvor geschlossenes Sperrwerk würde bei Bedarf also zusätzlich wie das Tor zu einem neuen Flutpolder ‚Seegeniederung‘ funktionieren – man würde es dann gezielt zum passenden Zeitpunkt und für die erforderliche Dauer öffnen. Damit bestünde die Möglichkeit, einen zu Flutbeginn erfolgten geringfügigen Aufstaueffekt zu kompensieren durch einen später planvoll herbei geführten Kappungseffekt. Auf diese Weise würde beim Durchgang des Flutscheitels nicht nur die Ortslage Gorleben, sondern könnten auch die Deiche der  nachfolgenden Elbdörfer stromab entlastet werden.

Gleichwertiger Schutz für Menschen, Tiere und Pflanzen

Abgesehen von dieser speziellen Frage liegt das ‚grundsätzliche‘ Problem der BUND-Grundsatzkritik jedoch woanders: Mit seiner scheinbar ‚konsequenten‘ Haltung wird den schon seit Jahren gefährdeten Einwohner*innen z.B. in Gartow und Laasche überhaupt nicht geholfen – und das auf unbestimmte Zeit. Denn wann die geplanten neuen Flutpolder – etwa die in der Karthane-Niederung bei Wittenberge, bei Wahrenberg oder jene in der Lenzer Wische zwischen Wootz und Dömitz – betriebsbereit sind, kann derzeit auch der BUND nicht vorhersehen. Ohne eine klare Aussage zum Zeitbedarf und zur Wirksamkeit der jeweils bevorzugten Schutzmaßnahmen ist jedoch eine rationale und verantwortungsvolle Abwägung von Vor- und Nachteilen verschiedener Lösungen gar nicht möglich. Wenn sich der Vorstand der BUND-Kreisgruppe dieser Abwägung also gezielt und ‚grundsätzlich‘ entziehen möchte, lässt ihn das als Verband in dieser Kontroverse nicht besonders konstruktiv erscheinen.

Bald nach dieser offiziellen Stellungnahme der BUND-Kreisgruppe meldete sich Ende Mai der NABU nochmals zu Wort, nunmehr die überregionale bzw. Landesebene (3). Nun spricht sich auch der NABU-Landesverband Niedersachsen grundsätzlich gegen ein Sperrwerks-Konzept aus; anders als der BUND lässt er in seiner Mitteilung jedoch keine Distanz zu der vom NLWKN vorgestellte Variante Deicherhöhung erkennen: 
„Wir begrüßen aus Hochwasser- und Naturschutzgründen, dass der NLWKN die Deicherhöhung und damit den Erhalt des Retentionsraumes und der einzigartigen Flora und Fauna favorisiert. Der NABU kann und wird die negativen ökologischen Auswirkungen durch ein Sperr- und Schöpfwerk nicht einspruchslos hinnehmen - auch als Eigentümer von Flächen in der Seegeniederung“, so Rolf Bonkwald, Sprecher der NABU- Arbeitsgemeinschaft für den Naturschutz in der Elbtalaue. Auch der NABU-Landesvorsitzende Holger Buschwald verweist auf die Vielfalt seltener Tier- und Pflanzenarten sowie gefährdeter Lebensgemeinschaften, die „in der Seegeniederung einen europaweit sehr bedeutenden Lebensraum“ fänden.

Befürworter der Sperrwerksvariante betonen dagegen, solche Warnungen vor angeblich drohender Naturzerstörung seien ohne sachliche Grundlage. An keiner Stelle der Seegestudie sei eine längere oder gar dauerhafte Absperrung der Flussniederung von der Elbe auch nur angedacht; niemand stelle die schützenswerte Flora und Fauna auf den Flächen des Biosphärenreservats zur Disposition. Im Gegenteil könne angesichts der Klimaveränderung und sommerlicher Dürreperioden sogar ein Vorteil darin liegen, bei Bedarf eine gezielte Wasserrückhaltung im Sinne des Naturschutzes zu betreiben. So könnte der drohenden Austrocknung wertvoller Feuchtgrünlandflächen notfalls entgegengesteuert und auch dadurch der gefährdete Lebensraum bedrohter Arten bewahrt werden. Wilhelm Schulte aus Laasche, Mitglied im Ausschuss des Gartower Deichverbands, hat es in seiner Leserbrief-Entgegnung auf den oben zitierten Prof. Wilkens so ausgedrückt:
Ein Seege-Sperrwerk „ist ganzjährig geöffnet und gewährleistet einen freien Zu- und Abfluss, sodass sich die Gewässerverhältnisse in der Seegeniederung dadurch nicht ändern…Nur im voraussehbaren Fall eines katastrophalen Hochwassers in der Elbe, dem die vorhandenen Hochwasserschutzanlagen in der Seegeniederung nicht mehr standhalten würden, wird eine solches Sperrwerk geschlossen“. (EJZ vom 17.4.)

Ein Brief aus Laasche… – und der kommende Kommunalwahlkampf

In dieser kontroversen Debattenlage zwischen Deichverband, Umweltschützer*innen, Kommunalpolitik und vom Hochwasser bedrohten Bewohner*innen haben jetzt mehr als 20 Einwohner*innen aus Laasche in einem am 8.6. veröffentlichten Brief begründet, warum sie ein Sperrwerk an der Seegemündung als Teil eines „zukunftsorientierten Polderkonzepts“ fordern. Unter der Überschrift „Kein Hochwasserschutz von vorgestern, sondern eine nachhaltige Lösung für die Seegeniederung!“ schreiben sie u.a.:
„Ja, liebe Naturschutzverbände wie BUND und NABU, an der Elbe kann nur ein Hochwasser- und Risikomanagement nachhaltig Schutz gewährleisten, sowie es auch die Nachbarländer mit ihren Deichrückverlegungen und Flutpoldern planen.
Ein Sperrwerk an der Seegemündung direkt oder im Strassenverlauf zwischen Meetschow und Vietze soll in extremen Hochwassersituationen (und nur dann!) die Seegeniederung zu einem steuerbaren Flutungspolder machen. Entscheidend wäre die grundsätzliche Offenhaltung des Sperrwerks und damit der Erhalt und Schutz unserer wertvollen Seegeniederung und gleichzeitig ein nachhaltiger Hochwasserschutz für Mensch und Tier.“
(Der ganze Text des ‚Briefs aus Laasche‘ steht am Ende dieses Beitrags)

Die Diskussionslage zwischen den Kontrahent*innen erscheint nach alledem ziemlich blockiert. Bei Großprojekten treffen häufig Interessengegensätze und Zielkonflikte aufeinander, das ist nicht ungewöhnlich. Auch dass sich Gemeindevertreter*innen, betroffene Anwohner*innen und beteiligte Umweltverbände heftig streiten, gehört bei Planungen für neue Umgehungsstraßen, Stromkabeltrassen oder Kita-Grundstücken zum normalen politischen Geschäft.

Was die Debatte jedoch zusätzlich erschwert: die Kontroverse um die Seegestudie wird derzeit auch noch politisch und wahltaktisch überlagert. Im kommenden September sind Kommunalwahlen, viele der bisherigen Mandatsträger*innen in den Gemeinderäten wollen wiedergewählt werden, manche möchten „noch ´was werden“ – Bürgermeister*in zum Beispiel. Da sind gegenläufige Einzelinteressen vorprogrammiert, das Thema Hochwasserschutz wird dann auch nach jeweiligem Wahlkampf-Kalkül instrumentalisiert.

Bei der CDU scheint die Sache klar: Ihr Bürgermeisterkandidat für die Samtgemeinde Gartow, Amtsinhaber Christian Järnecke, hat bereits Ende April in einem Pressegespräch mit der EJZ ein regelbares Sperrwerk befürwortet – aus finanziellen und drängenden Zeitgründen. Zudem wäre die Alternative – im Kern eine Erhöhung der Seegedeiche auf langer Strecke – „ein wesentlich größerer Eingriff in die Natur, als die Errichtung eines Sperrwerks“, so ein weiteres Argument in einem offiziellen Antrag der CDU-Fraktion im Gemeinderat Gartow. Die CDU und mit ihr verbundene Wahllisten haben in der Samtgemeinde wie auch in den Räten aller Mitgliedsgemeinden (außer im Höhbecker Rat) solide Mehrheiten; sie befürchten offenbar nicht, spürbare Wahlverluste zu erleiden wegen ‚grundsätzlicher‘ Kritik oder auch Polemik von Umweltschützer*innen gegen ein Sperrwerk.

Unter den anderen kommunalpolitischen Gruppierungen ist die Diskussion bei den Grünen bemerkenswert. In ihrem Kommunalwahlprogramm halten sie es für ausreichend, sich lediglich auf „überregionale Konzepte für Deichrückbauten entlang der Elbe und ihrer Nebenflüsse für Retentionsflächen und Polderbildung“ festzulegen; im Übrigen möchten sie sich alle Optionen offen halten. Um Kontroversen und möglichen Zerwürfnissen mit Umweltverbänden aus dem Weg zu gehen, wurden bei der internen Erarbeitung ihres Kommunalwahlprogramms alle Formulierungsvorschläge verworfen, in denen das angeblich anstößige Wort ‚Sperrwerk‘ auch nur als Option unter bestimmten Bedingungen genannt wird. Bei einigen Wahlstrateg*innen gilt der Hochwasserschutz ohnehin als sogenanntes „Verliererthema“. Herausgekommen sind dabei Sätze wie diese:
„Die im Seegetal liegenden Orte müssen vor Extremhochwasser geschützt werden. Dabei ist eine Voraussetzung für uns Grüne, dass die Seege-Niederung weiterhin frei von den normalen Hochwässern im Frühjahr und Herbst überflutet werden kann und dieser einzigartige Naturraum geschützt bleibt.“

Diese Programm-Aussage kann wohl kaum zu mehr als einem Formelkompromiss dienen, der die kontroverse Debatte zwischen befürwortenden, skeptischen oder ablehnenden Positionen zu einem Sperrwerk vermutlich erstmal stillstellen, auf die Zeit nach der Wahl vertagen soll. Bis zur Kommunalwahl wird man wohl – wie bislang schon – von kaum einem grünen Ratsmitglied oder einer für die Grünen kandidierenden Person eine unzweideutige Stellungnahme zum Thema Sperrwerk erhalten.

Ob das die Betroffenen in Laasche, Gartow und andere Anwohner*innen entlang der Seege überzeugt – oder vielleicht die Anhänger*innen von NABU und BUND zufrieden stellen kann?
Man darf gespannt sein, welche – vielleicht auch neuen – Fakten und Argumente demnächst bei der Anhörung in Hitzacker vorgebracht werden.

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(1) Machbarkeitsstudie zum Hochwasserschutz entlang der Seegeniederung:
https://www.gartow.de/home/bauen-wohnen-umwelt/klima-umwelt-und-naturschutz/hochwasserschutz/machbarkeitsstudie-zum-hochwasserschutz-in-der-seegeniederung.aspx
(2) http://lüchow-dannenberg.bund.net
(3) https://niedersachsen.nabu.de/natur-und-landschaft/fluesse/30043.html


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Mehr als 20 Einwohner*innen aus dem besonders gefährdeten Dorf Laasche haben sich in einem Brief an die Öffentlichkeit gewandt und sich darin für die Errichtung eines Sperrwerks ausgesprochen (als Leserbrief erschienen in der EJZ vom 8.6.)

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Kein Hochwasserschutz von vorgestern, sondern eine nachhaltige Lösung für die Seegeniederung!
 
Hier melden sich die zu Wort, die als Anwohner mit einer amtlich festgestellten Deich-Minderhöhe von knapp einem Meter z.Zt. nicht ausreichend geschützt sind: 
Ja, wir müssen auf extreme Hochwassergefahren auch in der Seegeniederung zukünftig besser und nachhaltig vorbereitet sein. Vor allem die Jahrhunderthochwasser in 2002,2006,2011, 2013 sind hier vielen Menschen noch in traumatischer Erinnerung. Sandsäcke füllen, Möbel räumen, Stromausfall und in Laasche von der Außenwelt abgeschnitten, danach Hausschwamm und leere Haushaltskassen. 
Ja, liebe Naturschutzverbände wie BUND und NABU, an der Elbe kann nur ein Hochwasser- und Risikomanagement nachhaltig Schutz gewährleisten, sowie es auch die Nachbarländer mit ihren Deichrückverlegungen und Flutpoldern planen. 
Ein Sperrwerk an der Seegemündung direkt oder im Strassenverlauf zwischen Meetschow und Vietze soll in extremen Hochwassersituationen (und nur dann!) die Seegeniederung zu einem steuerbaren Flutungspolder machen. Entscheidend wäre die grundsätzliche Offenhaltung des Sperrwerks und damit der Erhalt und Schutz unserer wertvollen Seegeniederung und gleichzeitig ein nachhaltiger Hochwasserschutz für Mensch und Tier. 
Ein Sperrwerk, Planungs- und Bauzeit ca. 8 Jahre, Kostenaufwand ca. 25 Mio € inclusive eines Schöpfwerkes ( ggfs. entbehrlich) , ist unter diesen Gesichtspunkten der alternativen Deich-, Straßen- und Brückenerhöhungen auf 25 km Länge mit einem grossen Flächenverbrauch und einer angenommenen Bauzeit von von 25 und mehr Jahren vorzuziehen. Die Kosten würden zum jetzigen Zeitpunkt laut NLWKN bei ca. 72 Mio € liegen und damit die Kosten eines Sperrwerks um das dreifache und wahrscheinlich mehr überschreiten. Dieses wäre keineswegs nachhaltig und tatsächlich eine Alternative von vorgestern. Ein Sperrwerk dagegen ist Teil des zukunftsorientierten Polderkonzeptes.
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--> Die vorigen Beiträge hier im Blog:
89. X-mas XS
88. Die Wahrheit über die Rückkehr von Corona
87. Das Deichausbau-Dilemma