Thema: flüchtlinge

Berichte aus Idomeni

Nach den heftigen Auseinandersetzungen am Wochenende hat sich die Lage im Flüchtlingscamp Idomeni - vorerst - wieder beruhigt. Den Menschen dort geht es aber weiterhin schlecht - wie der Arzt Ijos Bietzker berichten kann, der dort seit 14 Tagen hilft.

Über 10 000 Menschen sitzen seit Wochen im provisorischen Flüchtlingscamp in Idomeni nahe der mazedonischen Grenze fest und hoffen, dass der Grenzzaun doch wieder aufgeht und sie nach Europa ziehen können. Nur wenige von ihnen trauen den Bussen, die sie in "sichere" Unterkünfte im griechischen Landesinneren bringen sollen. In ihrer Ungeduld versuchten einige Hundert Flüchtlinge am Wochenende, den Stacheldrahtzaun einzureißen. Die Folge waren stundenlange gewalttätige Auseinandersetzungen mit der mazedonischen Polizei, die auch Gummigeschosse gegen die Flüchtlinge einsetzte.

Hier die Berichte der letzten Tage von Ijos Bietzker (facebook-Alias: Joost Rot ), der seit 14 Tagen in Idomeni als Arzt hilft.

Idomeni 12.04.2016
Hartgummigeschosse wurden auf die Flüchtlinge abgeschossen, als diese versuchten die mazedonische Grenze zu überwinden. Treffer damit sind sehr schmerzhaft und können neben Blutergüssen Frakturen z. B. der Nase und die Zerstörung von Augen hervorrufen.
Die hier fotografierten (siehe Fotostrecke) sind die kleinen Geschosse. Es wurden auch mehr als doppelt so große verschossen. Ich frage mich, ob die erlittenen Frakturen der Extremitäten dadurch oder durch den Schlagstockeinsatz hervor gerufen wurden oder eine ganz andere Ursache hatten.

Idomeni Dienstag 12.04.2016
Er hat in der sengenden Hitze und dem staubigen stürmischen Wind Wasser herantragen wollen. Nun kann er nicht mehr und steht mitten auf der Straße mit seinen zwei Behältern. Den ganzen Tag schafft er Essen oder Wasser für seine Familie heran. Scheinbar unermüdlich. Sie "wohnen" etwas außerhalb des Camps. Die Wege sind weit. Wann immer er meint, etwas bekommen zu können, versucht er es zu erhaschen. Das kann nervig sein - und ist gleichzeitig so traurig, weil diese Kinder pausenlos versuchen sich und die Familie zu versorgen. Sie übernehmen Verantwortung für Ernährung, Holz und kleine Geschwister. Für deren Hunger und Leid.

Ich sehe viele 8 - 12 jährige Jungs und Mädchen ihre kleinen Geschwister umher tragen, sie trösten. Ihre Großeltern im Rollstuhl zur Essensausgabe schieben, eine Stunde anstehen und auf dem Schotterweg mit den tiefen Schlaglöchern wieder zurück schieben.

Anfangs hieß es, hier kommen nur junge Männer, die wollen wir nicht. Vor denen haben wir Angst. Die vertreten extreme religiöse Ansichten und bedrohen damit unsere Kultur - was immer das ist. Sie klauen uns die Frauen und die Arbeitsplätze.

Dabei ist es nicht besonders wahrscheinlich, dass sämtliche europäischen Frauen jetzt mal eben zum Islam konvertieren. Davon abgesehen ist ein Großteil der Männer verheiratet und hat sich allein auf die gefährliche Reise gemacht, um die kleinen Kinder, die schwangere Frau nicht zu gefährden und später nachzuholen.

Wärme? Nur wenn gespendet wird

Die Feuerholzlieferung - eine gespendete volle Lastwagenladung wirde am Straßenrand abgekippt und schnellstmöglich zum Zelt getragen. Wer nicht das Glück hatte, eine Mülltonne als Transportmittel zu ergattern, muss tragen.

Ich sitze gerade in einer großen Runde freundlicher Menschen am Feuer und bin zum süßen Tee eingeladen. Jder der schon mal am Feuer gesessen hat weiß, dass der Rauch immer zu einem zieht und so husten wir hier vor uns hin. Solange der Rauch vom Holzbrand kommt geht's gerade so - werden aber Decken oder Plastikflaschen verbrannt wird's richtig fies. Doch trotz der großzügigen Feuerholzspenden und -lieferungen ist viel zuwenig Feuermaterial vorhanden - eigentlich nicht fürs Verbrennen gedachte Materialien müssen dann auch herhalten. Denn es muss gekocht und geheizt werden. Es ist mausekalt hier nachts. Es gibt kein warmes Wasser. Die Wäsche muss per Hand gewaschen werden - so man eine Waschschüssel hat.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, daß die hier lebenden Flüchtenden bis vor einiger Zeit einem normalen Leben in Häusern mit Infrastruktur, einem Beruf oder einem Studium nachgingen. Jetzt ist alles nur noch Durchhalten, für Essen, Wasser, Regenschutz, Sonnenschutz, Wärme - und der Wechsel zwischen Verzweiflung und Hoffnung, ob und dass sich die Grenze wieder öffnet, um ein neues Leben beginnen zu können. Unvorstellbar für uns - vielleicht sollten wir unsere Großeltern mal zu ihren Erinnerungen der Flucht befragen.

Sonntag 10.4.2016 - nach den Auseinandersetzungen

Alle meine Fotos, die ich von der Situation in Idomeni gemacht habe sind zerstört, gelöscht - was weiß ich. 46 Stück insgesamt von Verletzten, von von Tränengas getroffenen Kindern, von riesigen Hartgummigeschossen, von über griechisches Gebiet fliegenden mazedonischen Kampfhubschraubern, von Tränengasgeschosstreffern inmitten der Zelte - weitab der mazedonischen Grenze.

Ich hab's alles dokumentiert in den kurzen Momenten, wo keine Verletztenversorgung notwendig war. Weg, einfach weg. Ich bin fassungslos. Auf meinem Handy Fotos davor und danach, Videos davor und danach - harmlose eben, von einer Entzündung am Fuß, von unserer sich ständig wandelnden "Sanitätsstation", wenn man eine Decke auf dem Boden, viele Flaschen Wasser, die anästhesierenden Augentropfen, das Asthmaspray und die Tropfen in der Spritze als Sanitätsstation bezeichnen kann. Apropos, mein wertvolles Bergetuch ist weg. Kann jemand ein neues (gebrauchtes) aus Deutschland mitbringen?

Die Situation während der Auseinandersetzungen in Idomeni war entsetzlich. Zerschlagene Menschen, von brutalen Gummigeschossen getroffene Menschen und Tränengas überall. Tränengas wurde zunächst an der Grenze eingesetzt, später auch mitten zwischen die Zelte geschossen - entsprechend waren viele Kleinkinder und Säuglinge betroffen. Ich hab's dokumentiert - die Fotos sind von Zauberhand gelöscht, geschwärzt, ge... wasweißicht.

Ich hatte die Gasmasken und den Helm zu Hause in Deutschland gelassen, wollte mich hier um die hygienischen Bedingungen der Flüchtenden kümmern, um Ernährung, um die kleineren medizinischen Problem, die man in der Kofferraumsprechstunde lösen kann.

Die vorgefundene Situation ist eine andere. Gefragt ist auch, die größeren medizinischen Probleme aus dem Kofferraum zu lösen, am besten eine ganze Apotheke vorzuhalten, weil es einiges an Medikamenten in Griechenland nicht gibt - und mitten in einen Kampf zu geraten: Soldat (oder ist es eine Polizeieinheit der Mazedonier, die so gemeingefährlich agiert?) gegen Flüchtenden. Soldat gegen Flüchtlingskind. Soldat gegen Flüchtlingssäugling. Noch nie in meinem Leben musste ich Säuglinge behandeln, die Tränengas abbekommen haben - entsetzlich. Und ich bin einiges gewohnt aus 19 Jahren Castorwiderstand.

Für die Unterstützung des Arzteinsatzes in Idomeni wurde ein deutsches Spendenkonto eingerichtet. Die eingegangenen Spenden werden dann nach Griechenland weitergeleitet.
Bankverbindung:  IBAN DE 62258619900088557600, BIC: GENODEF1CLZ, Kontoinhaber Ottavio, Verwendungszweck: Spende Flüchtlingshilfe Joost. 

PS: am Mittwoch kam es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Grenzsoldaten und Flüchtlingen. (hier! gehts zum Bericht auf focus online)

Foto / Ijos Bietzker: Fast handtellergroß sind die "kleinen" Gummigeschosse, die mazedonische Soldaten auf die Flüchtlinge abgeschossen haben.



Fotos

2016-04-13 ; von Ijos Bietzker (autor), asb (autor),
in Idomeni 614 00, Griechenland

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