Sprötze: Tierschützer im Visier

Am Freitag wurde in Sprötze (Landkreis Harburg) eine im Bau befindliche Geflügelzuchtanlage durch Brandstiftung zerstört. Die Polizei hat keine konkreten Hinweise, doch diverse Medien und das Landwirtschaftsministerium in Hannover scheinen es besser zu wissen: nach ihrer Ansicht waren es "militante Tierschützer", die den Bau in Brand gesetzt haben.

Freitag in den frühen Morgenstunden kam es zu einem Feuer in einer derzeit noch im Bau befindlichen Geflügelzuchtanlage in Sprötze im Landkreis Harburg.

Das gesamte Dach der etwa 1.600 Quadratmeter großen Anlage stürzte aufgrund der Hitzeentwicklung ein, die Nachlöscharbeiten zogen sich über mehrere Stunden hin. Der Sachschaden wird auf rund 500.000 Euro geschätzt.

In der Geflügelmastanlage, die kurz vor der Fertigstellung stand, sollten demnächst rund 38 000 Hühner einziehen. Seit Wochen hatten Tierschützer gegen den Bau der Anlage vehement protestiert.

Ermittlungsgruppe gerade erst eingesetzt

Nachdem die Polizei nun mitteilte, dass der Stall nachgewiesenermaßen durch Brandstiftung niederbrannte, steht für die Dorfbevölkerung und diverse Medien fest: es waren die Tierschützer, die das Feuer gelegt haben. Und nicht nur das: auch Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen und ihr Pressesprecher haben keine Probleme damit, Tierschützer öffentlich für den Brand verantwortlich zu machen.

Dabei ist das polizeiliche Ermittlungsverfahren noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: die Polizeiinspektion Harburg teilte heute mit, dass sie eine mehrköpfige Ermittlungskommission in Sachen Brand Sprötze eingesetzt hat. „Es gibt keinerlei konkrete Hinweise in eine bestimmte Richtung“, so Polizei-Pressesprecher Michael Düker von der Polizeiinspektion Harburg. Es wird weiterhin gegen Unbekannt ermittelt.

Ungeachtet dessen mahnte Ministerin Astrid Grotelüschen unlängst auf einer Solidaritätsveranstaltung "demokratisches Verhalten" der Tierschützer an: "...Ich verurteile diese Brandstiftung aufs Schärfste. Das ist eine massive Grenzüberschreitung. Das ist mehr als das Nichtakzeptieren von unterschiedlichen Meinungen im Bereich der Fleischproduktion. Es ist ein Angst machender und zutiefst undemokratischer Eingriff in diesen Bereich der Landwirtschaft", sagte sie auf einer Solidaritätsveranstaltung für die betroffenen Landwirte.

Der Pressesprecher von Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen sieht genügend Indizien, die ihn annehmen lassen, dass es Tierschützer waren, die den Brand gelegt haben. „Wer sonst sollte einen Grund haben so etwas zu tun?“, Dr. Gert Hahne. Ein "Fuck you" sei in den Boden geritzt worden, die Professionalität der Brandstiftung weise auf "diese Gruppen" hin, ausserdem hätte die Initiative gegen die Mastanlage im Vorfeld immer wieder betont, dass "sie es nicht zulassen werde, dass diese Anlage dort entsteht".

Grotelüschen: Undemokratischer Eingriff in die Landwirtschaft

Beweis für den Pressesprecher ist z.B. die Website der Initiative in Sprötze. Dort heißt es wörtlich (am Schluss eines langen Textes über die unwürdige Haltungen in Massen-Tierhaltungsanlagen) "... Auf mehrere Arten und Weisen also verursacht oder verschlimmert die Massentierhaltung Probleme wie Hunger und Wassermangel, belastet die Natur in ihrer direkten und weitesten Umgebung. Dies und insbesonders die absolute Verachtung, die sie ihren Opfern entgegenbringt, lässt nur einen Schluss zu: Es muss ihre Abschaffung angestrebt werden! Eine Verhinderung der Hühnermastanlage in Sprötze wäre ein kleiner, aber wichtiger Schritt in diese Richtung."

Kein Wort von Brandstiftung, kein Wort über anzuwendende Gewalt ist in dem Text zu finden. Der letzte Eintrag im Blog der Initiativ-Seite ist vom 18. Mai 2010, also Monate vor dem Brand. Auch dort findet sich kein Hinweis auf die womögliche Absicht, Feuer zu legen. Lediglich das Programm für einen Protesttag am 19. Mai ist dort nachzulesen. Darin so harmlose Programmpunkte wie ein "veganer Kochkurs" oder der Auftritt des Liedermachers "Fidl Kunterbunt".

 

LINKE: Keine Vorverurteilung

Für die LINKE im niedersächsischen Landtag sind derartige Äußerungen eine Vorverurteilung. Die agrarpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Landtag, Marianne König: "DIE LINKE verurteilt die Brandstiftung und fordert eine Aufklärung des Falls. Gleichzeitig darf es keine Vorverurteilung geben: Ich warne davor, jeden Tierschützer als potentiellen Brandstifter zu verdächtigen. Natürlich darf eine solche Straftat nicht ungestraft bleiben; doch unabhängig davon, wer für den Brand verantwortlich ist, muss das gleiche Strafmaß gelten."

Initiativen sehen sich diskreditiert

Selbst Eckehard Niemann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, ist in die Falle gelaufen, kurzschlüssig Tierschützer als die verantwortlichen Brandstifter anzunehmen. Gegenüber Printmedien hatte er erklärt, dieser Brand sei ein "deutliches Zeichen dafür, wie wenig akzeptiert die agrarindustrielle Haltung in der Bevölkerung ist". Gleichzeitig betonte Niemann allerdings, dass "dies nicht die Mittel sind, die wir ergreifen".

Angesichts der aktuell durch viele norddeutsche Medien laufenden Berichterstattung über "militante Tierschützer", die einem Landwirt die Existenz ruiniert hätten, sehen sich andere regionale Initiativen gegen Massentierhaltung diskreditiert. Maren Ramm, Sprecherin der Initiative gegen Tierfabriken in Klein Heide: „Für uns ist völlig klar, dass Brandstiftung der absolut falsche Weg ist. Wir verurteilen solche Aktionen vollständig und distanzieren uns davon. Im übrigen ist bis jetzt ist in keinster Weise klar, ob es wirklich Tierschützer gewesen sind, die den Brand gelegt haben.“ Für die Iniative ist klar, dass der Bau von Tierfabriken nur über den legalen Weg, also über Diskussionen und Aufklärung verhindert werden kann. „Brandstiftung ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Befürworter dieser Anlagen, um Tierschützer zu kriminalisieren", so Maren Ramm.

Foto: Abgebrannter Stall in Sprötze / Polizei Harburg

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2010-08-03 ; von Angelika Blank (autor),

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