Thema: zero 145

Let’s talk about Atommüll!

Seit die Energiepreise unaufhaltsam steigen, macht sich unter den Verbrauchern allmählich Panik breit, denn alte und neue Industrieländer hängen an der Öl-Pipeline wie Junkies an der Nadel. Und wie alle Süchtigen müssen sie ihre Dosis ständig erhöhen. Appelle zum Entzug, also zum Energiesparen, blieben von Regierungen, Industrie und den meisten Bürgern ungehört, weil der Stoff, aus dem die industriellen Träume sind, so billig war. Nun sind wir alle auf „kaltem Entzug“, weil unsere Droge fast unbezahlbar geworden ist, die Quellen in absehbarer Zeit gar zu versiegen drohen. Und wie jeder Junkie lügen sich Regierung, Industrie und Otto Normalverbraucher über ihre Sucht in die eigene Tasche und basteln an Methadon-Programmen: es wird eine Renaissance der Atomenergie ausgerufen.

Im November sind im Wendland die traditionellen Castorfestspiele angesagt. Sind wir und die auswärtigen Protestierer wirklich die starrsinnigen Hinterwäldler, die sich nur aus ideologischen Gründen gegen die, nach CDU-Ansicht, „Öko-Kernkraft“ stemmen? Hat sich Deutschland mit dem „Atomkonsens“, dem langsamen Ausstieg aus der Atomkraft, wirklich selbst ein Bein gestellt? Stimmt es vielleicht doch, daß mit den bestehenden (und ein paar neuen) AKW der Klimawandel aufzuhalten wäre?

Zeit, sich noch einmal die Gründe für den Protest auf Straße und Schiene in Erinnerung zu rufen. Denn „wichtig ist“, wie Ex-Kanzler Kohl sagte, „was hinten rauskommt“. Und wo der Mann recht hat, hat er recht. Also: Let’s talk about Atommüll!

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß wir mit unseren paar tausend Tonnen hochaktivem, sowie etwa 300 000 Kubikmetern schwach- und mittelaktivem Müll im Grunde um ein Luxusproblem streiten. Die wirkliche Arschkarte im großen Atomspiel haben die Naturvölker, die dummerweise in der Nähe von Uran-Abbaustätten in den USA, Australien oder Afrika leben. Für etwa 33 Tonnen angereichertes Uran, die ein hiesiger 1,3- Megawatt- Reaktor jährlich verbrennt, werden rund 440 000 Tonnen Uranerz abgebaut – das meiste davon bleibt als strahlender Müllhaufen in den Abbaugebieten liegen. Was das heißt, zeigen die giftig strahlenden Halden im Bereich der sächsisch/thüringischen Wismut. Die werden zur Zeit mit einem geschätzten Kostenaufwand von 13 Milliarden Euro saniert – nicht einmal ein Bruchteil dieser Summe steht für ähnliche Arbeiten in Australien oder den USA zur Verfügung.

Was derzeit mit unserem „Restmüll“ passiert, darüber informierten im Juli Bürgerinitiativen aus dem Raum Asse II, Schacht Konrad und Lüchow-Dannenberg. Und was man dort über die „Endlagerung“ erfuhr, ist, wäre es nicht so ernst, eigentlich eine Posse zum Totlachen.
Beispiel Morsleben: Knapp 37 000 Kubikmeter niedrig- und mittelaktiv strahlender Abfall befinden sich im ehemaligen Kali- und Steinsalz-Bergwerk, das meiste davon  zwischen 1994 und 1998 eingelagert, also nach der deutschen Einheit. Der Müll wurde, wenn flüssig, einfach versprüht, feste Bestandteile – teils in Fässern, teils lose, also unverpackt – erst brav gestapelt, dann „verstürzt“, soll heißen, per Radlader  in irgendeinen Schacht gekippt.

Seit 1969, als die DDR Morsleben zum Endlager für alle Arten radioaktiven Mülls ernannte, sind ständige Wassereinbrüche bekannt, seit 2001 stürzt die Decke aus Steinsalz großflächig ein. Seit 1998 ist die weitere Beschickung mit Müll nach einer Klage durch Umweltschützer verboten. (Die damalige Umweltministerin Angela Merkel hätte gerne weiter eingelagert!) Der weitere Zusammenbruch der Stollen und Lagerkammern wird durch „Verfüllen“, u. a. mit Schlacke aus Braun-kohlekraftwerken zwar aufgehalten, nur daß damit  beschädigte Fässer und loser Müll endgültig im Untergrund begraben werden, also keine Möglichkeit besteht, das Eindringen ins Grundwasser zu kontrollieren oder gar zu verhindern.

Beispiel Asse II: Die Asse, ebenfalls ein ehemaliges Salzbergwerk im Landkreis Wolfenbüttel, gilt als „Forschungsbergwerk“ und wird vom Betreiber, der „Helm-holtz Gesellschaft“ ausdrücklich als Pilotprojekt für ein Endlager in Gorleben verstanden. Asse II ist einer von drei Stollen, die beiden anderen sind längst aufgegeben, weil abgesoffen. Unkontrollierte Wassereinbrüche in Form von gesättigter Lauge sind den Betreibern seit 20 Jahren bekannt – Glück im Unglück, denn gesättigte Lauge kann das Steinsalz der Lagerstätten nicht lösen. Sollten allerdings mehr als die derzeit täglich 12 Kubikmeter Wasser zufließen, oder die Schicht Kalisalze, die um das Steinsalz herum liegt, ausgewaschen werden, könnte der Salzgehalt der Lauge abnehmen und damit auch der ohnehin längst nicht mehr lückenlose Steinsalzmantel angegriffen werden. Auch hier wurden die Fässer erst gestapelt, dann „verstürzt“. Das dürfte auch die Erklärung für die Strahlung sein, die in der Lauge gemessen wurde – einige Fässer sind offenbar undicht. Und wie lange die anderen der salzigen Flut, die sie umspült, standhalten, ist ungewiß. (Wie sich Feuchtigkeit, Salz und Metall vertragen, weiß jeder Autobesitzer vom Winter oder vom Nordseeurlaub.)

Die Betreiber haben jahrelang versucht, den Wassereinbruch zu verschleiern und die radioaktive Brühe einfach in tiefere Schichten gepumpt. Wo sie wohl von dort hingeflossen ist? Außerdem passen Intensität und Art der Strahlung nicht so gut mit den angeblich gelagerten Stoffen zusammen. Da wird doch nicht irgendjemand bei den Frachtpapieren getrickst haben?

Jedenfalls ist dieses Bergwerk, das u. a. vom gleichen Professor Kühn, der Gorleben für einen geeigneten Standort hält, „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ für sicher und vor allem für „wasserdicht“ erklärt worden.

Beispiel Schacht Konrad: Alle Klagen gegen dieses Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle in Salzgitter wurden letztinstanzlich abgelehnt. Das ehemalige Erzbergwerk wird seit 1976 auf seine Eignung als Endlager untersucht und ist – natürlich – absolut sicher. Gut 300 000 Ku-bikmeter fester oder verfestigter Atommüll sollen eingelagert werden, davon fast 900 Kilo Plutonium. Angeblich bietet dieses Lager für eine Million Jahre Sicherheit. Eine mutige Prognose angesichts der Tatsache, daß sich das „Wunder von Lengede“, die Rettung von 14 Bergleuten 1963 nach einem plötzlichen Wassereinbruch gerade mal vier Kilometer vom bombensicheren Schacht Konrad entfernt zutrug. Übrigens sind Konrad und Marie (der Lengede-Schacht) unterirdisch miteinander verbunden.

Und Gorleben? Die gute Nachricht: Der Salzstock gilt als „unverritzt“– soll heißen, er ist nie durch Salzabbau beschädigt worden. Was die Sicherheit eines möglichen Endlagers in Gorleben betrifft, sind von der prinzipiellen Frage, ob Steinsalz als Medium überhaupt geeignet ist, bis zu der Tatsache, daß das dortige Deckgebirge große Lücken aufweist, alle Argumente x-mal ausgetauscht und zumindest hierzulande bekannt.
Fazit: Betreiber wie die „Helmholtz Gesellschaft“ wären im Normalfall nicht einmal geeignet, eine Imbißbude zu führen, weil ihnen der Nachweis über den korrekten Umgang mit verbrauchtem Frittenfett nicht gelingen würde. Aber unsere Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden sind bei Imbißbuden offenbar strenger als bei den Betreibern atomarer „Endlager“.

Natürlich steht Deutschland mit diesem Problem nicht alleine da – nirgendwo auf der Welt gibt es ein tragfähiges Konzept zur Lagerung der tödlichen Reste der „friedlichen Nutzung“ der Atomkraft. Die bisher praktizierten Verfahren reichen von der „Verklappung“, also dem Versenken irgendwo im Meer, über die erwähnten Bergwerke bis zum einfachen Verbuddeln, wie zum Beispiel in den Niederlanden – Letzteres allerdings als Zwi-schenlager für 200 bis 300 Jahre, in der Hoffnung, bis dahin eine sichere Methode der Lagerung oder Verwertung zu finden. Große Hoffnung setzt die Gemeinde der Atomgläubigen dabei auf „Transmutation“, die aufwendige Trennung aller Bestandteile des strahlenden Mülls und die Wiederverwertung in speziellen (natürlich völlig sicheren) Reaktoren. Schade nur, daß dieses Verfahren so gar nicht funktionieren will und außerdem sehr teuer ist. Das, was nicht nur hierzulande als „Entsorgungsnachweis“ akzeptiert wird, hat mit sicherer Lagerung nichts zu tun, es dient lediglich dem Bestandsschutz für Industrie- und Energiekonzerne.

Ist Atomstrom wenigstens billig? Der Strom schon – nur: warum? Allein für die Endlagerung der giftigen Reste werden Summen fällig werden, die die steuerfreien Rücklagen der Atomstromer weit übersteigen – und kein Cent davon ist bisher in die Stromkosten eingerechnet worden, dafür aber die fiktiven Beträge für die CO² -Zertifikate, die die Konzerne umsonst erhalten haben. Auch die Extraprofite, die E.ON und Co. dadurch erzielen, daß ältere Kraftwerke längst abgeschrieben sind, aber weiter laufen, haben für keinen Stromkunden finanzielle Vorteile gebracht. Auch hat „der Steuerzahler“ riesige Beträge in Forschung und Entwicklung von Reaktoren gesteckt, und die versicherten Risiken der Meiler decken nicht annähernd die möglichen Schäden – Strahlenopfer wie die Kinder in der Elbmarsch werden selbstverständlich nicht auf Kosten der Verursacher, sonder auf die der Allgemeinheit behandelt.

Nun zur Lüge, Atomkraft wäre CO²-frei. Für eine Kilowattstunde Atomstrom werden rund 100 Gramm CO² in die Luft geblasen – nicht vom AKW, aber für die ganze Prozedur vom Bergbau bis zum Brennstab. Das ist deutlich weniger als etwa bei einem Gaskraftwerk, aber eben nicht, wie behauptet, CO²-frei. Außerdem hat ein Atomkraftwerk einen geradezu erbärmlichen Wirkungsgrad von 35 Prozent, moderne kleine Stromerzeugungsanlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung erreichen an die 85 Prozent. Aber kleine, dezentrale Anlagen würden die Macht der Energiekonzerne ernsthaft in Frage stellen.
Und: Wer allen Ernstes, wie CDU, FDP und Teile der SPD, mit Atomkraftwerken den Klimawandel aufhalten möchte, sollte zunächst mal die Frage beantworten, wo der Brennstoff und das immense Kapital für die rund 3000 AKW herkommen soll, die die fossilen Brennstoffe ersetzen müßten.

Der „Atomkonsens“ hat zumindest eines erreicht: Durch die Begrenzung der Laufzeiten ist es heute möglich, die Menge des Atommülls, die eingelagert werden muß, zu bestimmen. Das ist, wie jeder Besitzer jedes Saftladens weiß, notwendig, damit die Größe des Lagerraums klar ist. Wer die Laufzeiten verlängern will, verändert automatisch wichtige Grundfragen an ein mögliches Endlager. Allerdings hat der ehemalige Umweltminister Trittin auch ein Gesetz zu verantworten, nach dem (ganz legal) gering verstrahl-te Abfälle als „Wertstoff“ gelten, also, zum Beispiel, im Straßenbau verwendet werden. Schon mal mit dem Geigerzähler über einen kürzlich erstellen Radweg oder eine Straße gegangen?

Es ist wie im richtigen Leben bei richtigen Junkies: Auf Dauer hilft nur der tatsächliche Entzug. Und weil die Zeiten der Energieverschwendung unwiderruflich vorbei sind, hilft den Energieverbrauchern wirklich nur „sparen, bis es quietscht“. Doch so lange es in diesem unserem Land noch mächtige Leute gibt, die uns Atomstrom als Öko-Energie verkaufen wollen, solange eine Lobby von Industrie und Politik den Teufel Klimawandel mit dem Beelzebub Atomstrom austreiben wollen, so lange hat sich der Protest auf Straßen und Schienen so was von nicht erledigt. Wir seh’n uns  – spätestens im November!

 

Foto: Tunnel  im Salzstock Gorleben (Archiv)




2008-08-26 ; von Stefan Buchenau (autor),

zero 145   asse   endlager_gorleben  

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