Thema: csd2020

Der größte CSD Deutschlands? Der Einzige?

War es der einzige CSD-Umzug in diesem Jahr? Oder nur der erste zu Corona-Zeiten? Den rund 500 Menschen, die sich zu einem fantasiereichen Demonstrationszug rund um Salderatzen getroffen hatten, war das egal. Sie feierten fröhlich bis in die Nacht.

Rund 500 CSD-AnhängerInnen zogen am Samstag mit mehreren Wagen, Fahnen und vielen kreativen Einfällen ca. zwei Kilometer rund um Salderatzen. Die strengen Corona-Auflagen, Masken zu tragen, Abstand einzuhalten und 30 Ordner einzusetzen, konnte die gute Stimmung nicht trüben. Doch trotz aller Fantasie wurde nicht vergessen, dass der CSD nicht nur eine fröhliche Wir-zeigen-uns-Veranstaltung ist, sondern an schlimme Zeiten erinnert: Am 28. Juni 1969 wehrten sich New Yorker Schwule gegen immer wiederkehrende brutale Razzien der Polizei. Daraus entwickelten sich tagelange Straßenschlachten mit der Polizei. Seitdem wird weltweit mit einer Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben dieses ersten Schwulenaufstands gedacht.

"Aufstehen gegen Hass und Diskriminierung" war das Motto des diesjährigen CSD-Demonstrationszuges in und um Salderatzen. Nicht ohne Grund, wie Carsten Krüger, einer der Organisatoren, erzählte: "Nach dem Attentat in Halle, dass diese entsetzliche Tat sich in unserem Motto spiegeln muss."

Auch Nicole Schaening vom Hamburg Pride e.V. erinnerte daran, dass trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte Schwule, Lesben und andere "Queer" sich zunehmend feindlichen Attacken ausgesetzt sehen. "Es hat sich schon lange viel getan in diesem Land," bemerkte sie in ihrer Rede zum CSD-Tag. "Wir haben heute ein ganz anderes Selbstverständnis. Aber es gibt schlimme Tendenzen." Womit sie auf zunehmenden Hass und rechtsradikale Diskriminierung anspielte.  

Dorfbewohner und allerlei schräge Vögel

So ernst der Hintergrund, so fröhlich war der Salderatzener CSD. Dass es viel Grund zum Feiern gibt, zeigte sich am Zwischenstopp in Klein Gaddau. Dorfbewohner, Kinder, Transsexuelle, die Hamburger "Lederkerls" oder glamourös gekleidete Transvestiten - in Klein Gaddau gab es keine Berührungsängste. Gemeinsam wurde gelacht und getanzt.

Und dass ein CDU-Bürgermeister sich nicht nur beim CSD blicken ließ, sondern sich auch noch mit einer Rede an der Veranstaltung beteiligte, wäre noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Heutzutage ist es nicht mehr erstaunlich (wenn auch immer noch nicht selbstverständlich), dass Waddeweitz' Bürgermeister Frank Socha, in seiner Rede den wendländischen CSD als "wichtiges Zeichen" begrüßte: "Wir können heutzutage nicht mehr zulassen, dass Leute, die stur in eine Richtung sehen, die Gesellschaft mit kirchlichem Wahn oder Rassismus dominieren wollen. Wir brauchen ein Zusammenleben ohne Rassismus."

Erstmalig waren in diesem Jahr an allen Samtgemeinde-Rathäusern sowie dem Kreishaus Regenbogenfahnen gehisst worden - dem Symbol für Toleranz und Akzeptanz einer Vielzahl von Lebensformen. 

"An der Zeit, sich europaweit zu engagieren"

Wie sich herausstellte, war der hiesige CSD-Umzug einer der wenigen, die zur Zeit stattfinden durften. Die meisten Gruppen mussten sich auf virtuelle Aktionen oder reine Kundgebungen beschränken. Das bescherte dem wendländischen CSD gar eine Notiz in der Tagesschau .

Für (Mit)Organisator Heinz Laing war der CSD 2020 ein "voller Erfolg." Er sieht aber die Queer-Community als stark genug an, sich auch in anderen Ländern zu engagieren, die restriktiv und diskriminierend mit Andersartigen umgehen. "Die Szene ist stark genug. Es ist eigentlich ihr Job, das inhaltlich auch für und in anderen Ländern zu diskutieren."

Am Abend wurde es dann vor der Abschlussparty noch einmal ernst: in einer Gedenkminute wurde an die seit Beginn der Epidemie 35 Millionen Aidstoten sowie der Anschlagsopfer aus jüngerer Zeit erinnert. 

Fotos: Rebecca Harms + Willy Tobler




Fotos

2020-07-26 ; von Willy Tobler (text),
in Salderatzen, 29496 Waddeweitz, Deutschland

csd2020   pride  

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